Transfer-Check: Timo Werner

Von 2. August 2016Transfer-Check
Timo Werner

Jüngster Bundesligaspieler und Torschütze des altehrwürdigen VfB Stuttgart, jüngster Spieler, der je einen Doppelpack in der Bundesliga schnürte, jüngster Spieler mit 50 Einsätzen in Deutschlands höchster Spielklasse, dazu ausgezeichnet mit der Fritz-Walter-Medaille in Gold (2013) und Silber (2015) als einer der besten Nachwuchskicker des Landes – ziemlich beeindruckende Erfolge, die Neubulle Timo Werner vorzuweisen hat. Mit gerade einmal 20 Lenzen in den Knochen verzeichnet er bereits 95 Bundesligaauftritte (13 Tore/10 Assists) und gilt gemeinhin als eines der größten Versprechen in Deutschlands ausgedünnter Stürmerriege. Und doch runzelten Fachleute wie Fans die Stirn, als RB Leipzig – trotz aller ökonomischen Privilegien immer noch ein Aufsteiger – ganze zehn Millionen Euro ins Ländle überwies, um sich die Dienste des Torjägers zu sichern. Während in England Nachwuchskicker mit derartigen Statistiken für den mindestens dreifachen Preis über die Ladentheke gehen und alsbald als Jahrhundertalente vermarktet werden, herrscht in Fußballdeutschland noch latente Skepsis, ob Timo Werner dieser Summe überhaupt gerecht werden kann. Nur, warum eigentlich?

Chancentod, eindimensional, Absteiger

Wo Licht ist, da ist bekanntlich auch Schatten. Und wer besonders hell strahlt, wird umso schneller zum Grenzgänger zwischen Euphorie und Enttäuschung. Seit er im Alter von 17 Jahren und 164 Tagen seine ersten Schritte auf die Bundesligabühne setzte, lastet ein nicht unerheblicher Druck auf Werners Schultern. Schließlich folgte er der schon erloschen geglaubten Erblinie an Talenten, die in Stuttgart zu formidablen, wenn nicht gar herausragenden Fußballprofis ausgebildet wurden: Philipp Lahm, Sami Khedira, Mario Gomez, Kevin Kurányi, Serdar Tasci – prominente Namen, die der Liga schon bald ihren Stempel aufdrücken sollten. So hatte man es auch Timo Werner prognostiziert. Fans und Verantwortliche sahen in ihm früh den Heiland, der den VfB aus der Tristesse der Bundesliganiederungen wieder zu europäischem Glanze verhelfen sollte. Dass ein solcher Ballast jungen Spielern selten zugute kommt, ist ein offenes Geheimnis.

Im Kontext gesehen, legte Werner stets manierliche Zahlen auf. In einem kriselnden VfB-Team, das sich über Jahre ohne erkennbares Offensivkonzept gegen den Abstieg stemmte, sorgte er noch für das ein oder andere Glanzlicht. Doch in Summe blieb das zu wenig, einerseits um sich als unumstrittener Leistungsträger zu etablieren, andererseits um die Mannen mit dem roten Brustring vor der Zweitklassigkeit zu bewahren. Zu oft versagten Werner im entscheidenden Moment die Nerven vor des Gegners Gehäuse, zu oft versuchte der Junge sein Glück zu erzwingen und stolperte in seinem irrsinnigen Tempo durch die Abwehrreihen der Liga. Im eins gegen eins blieb er häufig glücklos, erkannten seine Gegenspieler doch schnell, dass Werner sich vornehmlich auf seinen Antritt verlässt. Ein begrenztes Repertoire an Finten, Ballaktionen im Tunnelblick und zumeist hektische Abschlüsse kennzeichneten weite Strecken seiner Saison.  Der nächste Entwicklungsschritt, den sich die VfB-Anhänger so sehnlich erhofften, blieb aus. Und Werner nur die wechselhafte Randerscheinung einer schwäbischen Horror-Saison.

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Steckbrief

  • Geboren: 6. März 1996 in Stuttgart
  • Alter: 20 Jahre
  • Nationalität: Deutschland
  • Starker Fuß: rechts
  • Größe: 1,80 Meter
  • Position: Mittelstürmer & Flügelstürmer
  • Bisherige Vereine: TSV Steinhaldenfeld (-2002), VfB Stuttgart (2002-2016)

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Leistungsdaten

  • Bundesliga: 95 Einsätze / 13 Tore / 10 Assists
  • A-Jugend-Bundesliga: 23 Einsätze / 24 Tore / 6 Assists
  • Deutschland U21: 4 Einsätze / 3 Tore / 0 Assists
  • Deutschland U19: 14 Einsätze / 10 Tore / 5 Assists
  • Deutschland U17: 18 Einsätze / 16 Tore / 1 Assist

Ein willkommener Neuanfang

Nun also der Wechsel nach Leipzig, der unter den Anhängern beider Lager kontrovers diskutiert wurde. Die VfB-Fans unterstellen Werner nicht weniger als die Flucht vom sinkenden Schiff und vor der Verantwortung, die miserable Vorsaison gemeinsam auszubaden. Die RB-Fans indes fragen sich, ob ein zuletzt stagnierendes Talent nach dem Gang in Liga zwei auch all die Millionen wert ist, die Ralf Rangnick so bereitwillig investierte. Zumal die Konkurrenz in der Bullen-Offensive alles andere als klein ist und der Weg zum Stammplatz mindestens so weit wie beim VfB Stuttgart. Kann dieser Timo Werner tatsächlich den hoch gesteckten Ambitionen der Rasenballsportler gerecht werden?

Ohne mich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, möchte ich behaupten: Ja, kann er. Vielleicht nicht unmittelbar vom Anpfiff der neuen Spielzeit an, vielleicht auch erst nach einer Halbserie oder einem Jahr. Aber das Potenzial, mittelfristig zu einer echten Sturmhoffnung zu reifen, hat der vielfache Juniorennationalspieler allemal. Wer mit 20 Jahren bereits auf drei absolvierte Spielzeiten im Bundesliga-Oberhaus zurück blicken kann und in den Nachwuchsteams des DFB seit der U17 alles kurz und klein schießt, der muss zwangsläufig das gewisse Etwas haben, um sich auch im Profibereich zu etablieren. Dieses Etwas auszubauen und parallel den Druck von den Schultern des Jungen zu nehmen, wird die Aufgabe von Hasenhüttl und Rangnick sein. Die Rahmenbedingungen könnten dafür in Leipzig kaum besser sein. Das Umfeld ist ruhig, das Management seriös und die didaktischen Mittel im Leipziger Trainingszentrum über jeden Zweifel erhaben.

Polyvalente Rakete ohne Limit

Essenziell für Werners Erfolg bei RB wird sein, ob er seine bestechende Dynamik auch auf den Platz bringen kann. Sowohl auf den offensiven Flügeln, von denen aus er regelmäßig ins Zentrum zieht, als auch in den Schnittstellen im Rücken der Abwehr kann seine schiere Geschwindigkeit jederzeit Gefahr evozieren. Dafür muss er allerdings noch lernen, sich cleverer ohne Ball zu bewegen, um sich auch gegen tief stehende Gegner Räume zu verschaffen. Denn unter allem Tempo leidet besonders Werners Ballführung, die zuletzt viele gute Einschussgelegenheiten im Keim erstickte. Auch an seiner Spielübersicht muss der Ausnahmesprinter noch arbeiten und den richtigen Rhythmus finden zwischen kontrollierter Ballzirkulation und überraschenden Aktionen, zwischen Rundumblick und Vollgas.

„Alleine zu leben, wird mich selbstständiger und widerstandsfähiger machen.“

Ohnehin dürfte spannend zu sehen sein, welchen – insbesondere geistigen – Reifeprozess Timo Werner durchlaufen wird. Schließlich ist Leipzig seine erste Profistation fernab von zuhause, er bezieht seine erste eigene Wohnung, wird sich in Verantwortung und Selbstreflexion üben müssen. Alles, was im heimischen Nest und Jugendbereich noch locker-flockig von der Hand ging, muss nun hinterfragt, bewertet und angepasst werden. Falls Werner dazu bereit ist, hungrig und lernbereit all die neuen Einflüsse aufsaugt, dann ist sein Entwicklungspotenzial nach oben hin offen. Und RB Leipzig hätte mit zehn investierten Millionen wohl einen formidablen Schnapper gemacht.

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