Schlüsselfaktor Spielintelligenz

Von 22. September 2017Kolumne, Vision
Spielintelligenz

Der Fußball ist ein Wendehals. Seit jeher beugt er sich – wie ein verunsicherter Teenie – den Modeerscheinungen seiner Zeit. Was auf dem Rasen Woche um Woche passiert, lässt sich zumeist auf eine sehr überschaubare Zahl an Spielideen herunter brechen. Erst einmal geprägt von einer Handvoll unerschrockener Bilderstürmer – den großen Trainern einer Generation – werden sie permanent abgekupfert und verballhornt von Trittbrettfahrern rund um den Globus. Nach dem Schere-Stein-Papier-Prinzip lösen Spielphilosophien und taktische Pinselschwünge einander ab. Gegenpressing schlägt Ballbesitzfußball, Kick’n’Rush schlägt Rangnick und so weiter und so fort. Ihr spielt also 4-2-3-1? Das können wir auch. Aus 3-5-2 macht 5-3-2, abkippende Sechser gegen falsche Neuner. Alles merkwürdig vertraut, ein einziges Déjá-vu von weißer Kreide auf grünem Grund. Wir sehen Zypern gegen Moldawien, Traktor Taschkent gegen Zorya Lugansk – und Herrschaften, die spielen genau wie wir! Videoanalysten sezieren jeden Laufweg, jeden Diagonalball, entdecken sämtliche Löcher in der Dreierkette. Die Omnipräsenz der Spielaufzeichnung ist der Todfeind eines jeden taktischen Winkelzugs. Mühsam einstudierte Automatismen unterliegen der Inflation schneller als jeder Staatshaushalt im Mittelmeerraum. Die Halbwertszeit ausgeklügelter taktischer Manöver sinkt rapide.

Vom kometenhaften Aufstieg des Laptop-Trainers…

Es ist noch nicht lang her, da sorgte eine Riege junger, aufstrebender Fußballlehrer mit ihren akribisch ausgeheckten Matchplänen für Aufsehen. Jeden Kontrahenten analysieren sie ausgiebig, ermitteln seine Achillesferse und formen das eigene Spielsystem auf so überraschende Weise um, dass selbst dem durchschnittlichen Fußballkommentator nicht entgeht: „Die haben doch was ausgeheckt!“

Entsprechend groß war der Aufschrei in der – sind wir doch mal ehrlich – zutiefst reaktionären Welt des Profifußballs, die randvoll ist mit anachronistischen Persönlichkeiten und überholten didaktischen Methoden. Plötzlich gelingen Underdogs wilde Sensationscoups, alteingesessene Spitzenmannschaften stürzen ins tabellarisch Bodenlose und müssen zähneknirschend erkennen, dass eine willkürlich zusammengekaufte Individualistentruppe kein Erfolgsgarant mehr ist. Eine neuerliche Zäsur hat die gemächliche Hegemonie der Fußballwelt erschüttert, so wie es alle Jubeljahre einmal geschieht: Früher, ja, da gewann die Südamerikaner ihre Spiele noch allein mit zärtlicher Ballstreichelei. Bis der gemeine Europäer ihnen Laufstärke und Disziplin entgegensetzte. Eine erste taktische Revolution, die den Systemfußball (Stichwort: Catenaccio) aus der Taufe hob, setzte dem Ganzen ein abruptes Ende und strafte unkoordiniert anrennende Holzköpfe übel ab. Aktion – Reaktion. Nach diesem Muster verläuft auch die jüngere Fußballgeschichte. Der Erfolg des Individualismus wird erst von einer hochgezüchteten physischen Übermacht abgelöst. Jene wiederum vom Tiki-Taka iberischer Prägung, das sie nur mit offener Kinnlade bestaunen kann. Nun also sind Matchpläne, Video-Coaching und fluide taktische Systeme der heiße Scheiß. Der Fußball liebt seine Politik der kleinen Schritte.

…und von seinem Niedergang

Das Ganze hat – wie unser kleiner historischer Exkurs zeigt – einen entscheidenden Haken: Das Establishment der Fußballwelt mag vielleicht träge und behäbig sein, aber Kopieren kann nun wirklich jeder. Was bei aufrührerischen Vorstadtklubs funktioniert, das setzt sich auch früher oder später in Madrid, Manchester oder München durch. Und schon hat jeder Verein seinen eigenen Laptop-Trainer. Seine hauseigene Schar an Videoanalysten. Seine ausgeklügelten Matchpläne. Und nun? Tritt ein, was wir gegenwärtig im Spitzenfußball erleben: das große Gleichmachen. Ein Spiel, bei dem sich die Gegner bis zur völligen Unansehnlichkeit aneinander aufreiben. Wir sehen Spieler, die während einer Partie bisweilen fünf verschiedene Positionen bekleiden und damit völlig überfordert sind. Und wir sehen Partien, in denen viel zu oft unwägbare Zufälle und Kleinigkeiten über Sieg oder Niederlage entscheiden. Und nicht etwa die taktischen Raffinessen, die der Coach seinen Mannen noch in der Vorwoche so mühsam eingebläut hat. Was unweigerlich dazu führt, dass am Ende der Saison wieder diejenigen oben stehen, die von der größten individuellen Klasse zehren. Reine Stochastik.

Jede spitzfindige Gegneranalyse, jeder noch so geniale Matchplan kommt zwangsläufig an sein Limit, weil er sich nun mal auf die Retrospektive verlassen muss. Man kann sich ansehen, wie der Gegner letzten Samstag unter die Räder kam. Oder in der Champions League. Oder in dieser einen denkwürdigen Partie vor zwei Jahren. Doch sagt das noch lange nichts darüber aus, wie er sich kommendes Wochenende auf dem Rasen präsentieren wird. Gewisse Ableitungen, ja. Gewissheit: nein. Denn sein Trainerstab macht hinter verschlossenen Türen genau dasselbe wie der eigene und somit zahllose Beobachtungen unbrauchbar. Kuriose Szenarien entstehen, wie im Schach, wo du dich ab einem gewissen Punkt nicht mehr fragst, was der nächste Zug deines Gegners sei, sondern wie viele deiner Züge er bereits vorher sehen mag. Im Schach ist das für virtuose Spieler vielleicht beherrschbar. Aber die haben auch das unverhohlene Glück, dass sie über leblose Holzfigürchen gebieten, nicht über elf unberechenbare Egos. Kurzum: Einen klugen Plan zu haben ist nie verkehrt. Aber ein Allheilmittel ist das längst nicht mehr, jetzt, wo jeder einen hat. Etwas neues muss her, dass dem wachsenden Zufallsmoment und somit der Unkontrollierbarkeit des eigenen Erfolgs Einhalt gebietet.

Der blinde Fleck

Es ist nicht ganz einfach, im Spitzenfußball noch Stellschrauben zu finden, die wirklich prägnante Wettbewerbsvorteile versprechen. Die Qualität der fußballerischen Ausbildung und Trainingsmethodik scheint sich allmählich auf seinem hochgradig professionellen Niveau einzupendeln und wirkt wie ein Schneeballsystem auf untere Spielklassen und selbst in exotische Länder nach. Individuelle Fitness- und Trainingspläne sind so allgegenwärtig wie psychologische Betreuung, Ernährungsberater und Videoanalysen. Insbesondere der physische und technische Leistungsstandard nivelliert sich allmählich. So nähert sich der durchschnittliche Fußballer immer mehr dem Ideal des Elitesoldaten, den der Trainer nach Belieben auf dem Reißbrett verschieben kann, um einstudierte Automatismen umzusetzen. Und der vor allem eines ist: austauschbar. Machen wir uns nichts vor, der Typus verlässliche Fußballmaschine ist der Traum jedes modernen Fußballlehrers. Körperlich austrainiert, technisch versiert, taktisch gehorsam – das perfekte Instrument. Den Rest erledigt der Coach, der hat schließlich den heiligen Matchplan. Nur, was wenn – wie mittlerweile geschehen – nahezu jeder über dasselbe Ausgangsmaterial verfügt? Woher kommen die entscheidenden Nuancen, wenn nicht durch den Einsatz astronomischer Geldsummen für die Hochveranlagten unter den Hochveranlagten?

Des Rätsels Lösung liegt womöglich näher als man denkt. In einem Bereich der sportlichen Ausbildung, der allzu oft vergessen oder links liegen gelassen wird, jedoch das Potenzial birgt, das ganze System buchstäblich auf den Kopf zustellen. Denn von nichts anderem ist die Rede: Köpfchen. Intelligenz. Effizienz. Vernunft. Das Vermögen, richtige Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt zu treffen. Die logische Konsequenz nahezu jeder kulturellen Entwicklung. Am Ende gewinnt nicht der Stärkste, sondern der Klügste (oder eben der Reichste, der sich den Klügsten einkauft, aber das ist eine andere Geschichte). Eine Tendenz, die in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen längst sonnenklar ist. Nur im Profisport ist das – wohl der starken Tradition physischen Wettkampfs geschuldet – eine Einsicht, die erst langsam eintritt. Glücklicherweise schlägt die Generation Laptop-Trainer bereits eine erste Bresche in dieses bröckelnde Fundament und beweist, dass sich mit etwas Weitsicht und Spielverständnis schon viel erreichen lässt. Jetzt sollte man bloß nicht den Fehler machen und es dabei bewenden lassen (wie sich schon wieder allerorts andeutet). Vielmehr gilt es diesen Impuls aufzugreifen und von der passiven Zone des Spielfeldrands auch auf den Rasen zu übertragen.

Was Bernd nicht lernt

Ein einfaches, altbewährtes Gleichnis: Ein Neandertaler, nennen wir ihn Bernd, ist schrecklich hungrig. Er braucht etwas zu essen. Zum Glück ist sein Höhlennachbar eine gute Seele und gibt ihm etwas Hase von gestern ab. Problem kurzfristig gelöst. Nur kann sich Bernd ja nicht immer auf den Altruismus seiner Mitmenschen verlassen. Wäre also nicht übel, er könnte selbst Hasen jagen. Sein Nachbar erbarmt sich erneut und bringt es ihm bei. Von nun an jagt Bernd jeden Tag mit Feuereifer Hasen und ist sichtlich stolz auf seine Fortschritte. Seine Hungersnot scheint gestillt. Bis eines Tages keine Hasen mehr übrig sind. Was nun? Dummerweise ist sein Nachbar inzwischen weitergezogen und kann ihm nicht mehr zur Seite stehen. Und zu allem Überfluss ist auch noch der Winter herein gebrochen. Bernd ist überfordert. Er wünschte, er verstünde mehr vom Jagen an sich. Davon, wie seine Beute tickt. Welchen Einfluss die Jahreszeiten und ihr Rhythmus haben. Welche Alternativen zum Hasenbraten existieren – und wo er sie auftreiben kann. Bis er leidlich verhungert.

Zugegeben, so drastisch endet es für Fußballer-Bernd nicht, doch steht er vor einer ganz analogen Herausforderung. Man hat ihn gut ausgebildet, er ist topfit, geschmeidig am Ball und hört genau zu, was der Trainer ihm eintrichtert. Der ideale Systemfußballer. Doch plötzlich reagiert sein Gegenspieler ganz anders, als sein Coach prognostiziert hat. Oder der Sauhund steht noch nicht mal in der Startelf! Das komplette Rezept, dass sich Bernd zurecht gelegt hat, kann er nun vergessen. Und bis der Trainer ihn wieder einnorden kann, muss er sich zumindest 45 Minuten auf eigene Faust durchschlagen. Wie auch seine Mitspieler. Chaos vorprogrammiert. Am Ende spielt mal wieder jeder, wie er will und neben spontanen Geistesblitzen entscheiden individuelle Missgeschicke und Verkettungen seltsamer Zufälle darüber, dass sein Team mit 0:4 in die Pause geht. Hurra.

Dominanz durch Verstand

Das hätte nicht passieren müssen. Wüsste Bernd nicht nur, wie er sich in einer spezifischen, vorher einstudierten Situation verhalten müsste, sondern idealerweise in jeder erdenklich Spielsituation, dann hätte er das Debakel womöglich abwenden können. Doch um sich das „Wie“ zu erschließen, müsste er zuvorderst das „Warum“ begreifen. Warum entscheide ich mich in diesem Moment für den Kurzpass, nicht für den langen Ball? Warum macht es Sinn, erst mal das Tempo zu verschleppen, anstatt mit dem Ball nach vorn zu preschen? Warum geht Spieler X diesmal ins Eins-gegen-Eins, wo er doch sonst lieber Verlegenheitspässchen spielt? Wo kein Verständnis für Intention und Konsequenz vorhanden ist, dort regiert die Willkür. Instinktfußball. Kontrollverlust. Spielverständnis endet nicht mit der Reaktion auf eine bestimmte, oft beobachtete Aktion. In vielen Spielsituationen mag es vielleicht genügen, auf empirische Vorhersagen zu vertrauen und ein zuvor kleinteilig erlerntes Manöver abzurufen. Doch werden Spiele vor allem durch Aktionen entschiedene, die jenes Verhaltensmuster unverhofft aufbrechen. Insofern ist Spielintelligenz eine Frage der Abstraktionsfähigkeit. Um in möglichst vielen – idealerweise allen – Situationen erfolgreich zu agieren, muss sich ein Spieler möglichst vielen Handlungsoptionen und Handlungsmotiven bewusst sein. Das heißt, nicht nur seiner eigenen oder der seines direkten Gegenspielers, sondern der potenziellen Handlungen möglichst vieler Mit- und Gegenspieler auf dem gesamten Spielfeld. Je ausgeprägter dieses Verständnis, desto stärker erhebt sich ein Fußballer vom bloßen Rollenspieler zum (spiel-)intelligenten Mit- und Vordenker.

Jede Fußballergeneration bringt eine Handvoll solcher Kicker hervor, denen man diese Fähigkeiten sofort zuerkennen kann. So lassen sich ein Toni Kroos oder Andrea Pirlo quasi niemals aus der Ruhe bringen und können mit einer einzigen wohlüberlegten Aktion das Blatt zu ihren Gunsten wenden. Auch Barcas ehemaliges Dreigestirn Xavi – Iniesta – Busquets fällt in diese Kategorie. Wesley Sneijder. Christian Eriksen. Ilkay Gündogan. Um nur einige Namen in den Raum zu stellen. Allesamt ausgewiesene Naturtalente, keine Frage. Aber was sie so unglaublich effizient und erfolgreich macht – nämlich das Verständnis für Rhythmus, Raum, Ursache und Wirkung – ist nicht gänzlich gottgegeben, sondern fußt ebenso auf Lernbereitschaft und nicht zuletzt der Fähigkeit, aus ihren gesammelten Erfahrungen immer wieder verwertbare Rückschlüsse zu ziehen. Nur führt dieser Aspekt, quasi das „Lernen lernen“, in der fußballerischen Ausbildung ein kümmerliches Schattendasein, weswegen oben genannte Spieler in der Fußballmanege auch so drastisch hervorstechen.

Was macht einen spielintelligenten Fußballer aus?

Spielintelligenz ist – zumindest nach meinem Verständnis – kein trennscharfes Phänomen, das sich mit einer einzelnen Übungsform ansteuern ließe. Höhere Endgeschwindigkeit? Lässt sich mit kurzen Sprints trainieren. Kopfballspiel? Sprungkrafttraining und Kopfballpendel. Aber Spielintelligenz gezielt entwickeln? Hierfür braucht es das Ineinandergreifen unterschiedlicher didaktischer Instrumente, bestenfalls vom Jugendalter an. Denn sie beschreibt nicht nur das Zusammenwirken diverser kognitiver Fähigkeiten, sondern auch das Resultat eines langfristigen Sozialisationsprozesses. Konkret schließt das folgende Eigenschaften ein:

  1. Spielverständnis: Das Wissen, um die Regularien, Mechanismen und Ziele des Spiels und besonders, wie sich letztere durch geeignete strategische Mittel möglichst effizient erreichen lassen. (So ist ein Dribbling gegen drei Gegner manchmal vielleicht zielführend, aber risikobehaftet und bei weitem nicht so effizient wie ein Pass in die Schnittstelle der Widersacher)
  2. Empathievermögen: Eigene Lösungsstrategien allein sind wenig wert, wenn sich 21 weitere Spieler auf dem Feld ganz anders verhalten als angenommen. Empathie meint hier die Fähigkeit, sich in Mit- und Gegenspieler hinein versetzen zu können (ein gewisses Maß an Menschenkenntnis schadet nicht), ihre Handlungsmotive und möglichen Optionen zu erschließen und die entsprechenden Erfolgschancen bzw. Risiken richtig einzuschätzen. Eng damit verbunden ist die Fähigkeit zur Antizipation, also der Vorhersage und ggf. Intervention einer bestimmten Aktion.
  3. Lern- und Abstraktionsfähigkeit: Das Vermögen, vergangene Spielsituationen rückblickend zu bewerten und einzuordnen, um daraus gültige Rückschlüsse für dieselbe oder ähnliche Szenarien zu ziehen. Selbiges gilt für soziale Interaktionen, also das Aufeinandertreffen mit Gegenspielern bzw. gegnerischen Spielphilosophien, aus denen sich bestimmte Verhaltensmuster ableiten lassen.
  4. Adaptionsfähigkeit: Wenn man so will, die Anwendung des Gelernten. Das eigenständige Entwickeln von passenden Lösungsstrategien, selbst unter wechselnden oder bisher unbekannten Umständen. Ein intelligenter Spieler verfügt über die geistige Flexibilität, sich jeder erdenklichen Spielsituation anzupassen, sofern einstudierte Routinen nicht den gewünschten Erfolg versprechen.
  5. Geistesgegenwart: Last but not least – und gern vergessen. Die Fähigkeit zur Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit über die komplette Spielzeit, auch nach Spielunterbrechungen, Rückschlägen und emotionalen Zwischenfällen (wie z.B. Fan-Anfeindungen oder unsportlichem Verhalten des Gegners). Geistige Frische und Klarheit der Wahrnehmung sind Grundbedingungen für die möglichst objektive Entscheidungsfindung, oft genug binnen Sekundenbruchteilen.

Eine Chimäre gegen die Kopflosigkeit

Wer es versteht, seinen Spielern dieses Set an Soft Skills zu vermitteln – was natürlich nicht von heute auf morgen vonstatten gehen kann – der verschafft sich im Zeitalter des Systemfußballs einen beträchtlichen Wettbewerbsvorteil. Schließlich sind Spielphilosophien, Formationen und eingeübte Spielzüge trotz allen Variantenreichtums ziemlich begrenzt, vergleicht man sie mit den Kapazitäten eines agilen, verständigen Köpfchens. Und auch langfristig stünde man damit auf der sicheren Seite, da Spielintelligenz quasi auf der Meta-Ebene funktioniert, unabhängig vom taktischen und physischen Optimierungswahn des Profisports. Ganz zu schweigen von den vielfältigen positiven Nebeneffekten, die ein intakter, vernunftgeleiteter Denkapparat mit sich bringt. Man denke nur an das Sozialverhalten der Spieler, den viel bemühten Team- und Sportsgeist, das Beziehungsgefüge zwischen Spieler, Trainer und Verantwortlichen oder den Werdegang der Akteure abseits des Rasens. Die zielgerichtete Ausbildung spielintelligenter Fußballer ist im ewigen Schere-Stein-Papier-Spiel fußballerischen Wettrüstens quasi der Brunnen. Der Joker. Die verlässliche Trumpfkarte gegen das Zufallsprinzip taktischer Wechselwirkungen, gegen wahnwitzige Matchpläne und auch ein Stück weit gegen das Prinzip des Money-always-strikes. Denn ein Kollektiv cleverer Kicker vermag auch die Dominanz herausragender Individualisten deutlich einzudämmen.

Die Annahme, dass nur wenige Fußballer von der Wiege an mit derlei Fähigkeiten beschlagen seien, hinkt meines Erachtens gewaltig. Vielmehr übersieht die Ausbildungslogik des Profifußballs viel zu oft das reiche Entwicklungspotenzial, das zwischen den Ohren seiner Akteure schlummert. Wie genau sich dieses hervorrufen und entfesseln, also auch in die alltägliche Trainingsmethodik implementieren lässt, soll an anderer Stelle erörtert werden. Fest steht nur, dass Spielverständnis und Ratio nicht die Gaben weniger Auserlesener bleiben müssen, sondern, Offenheit und Lernwille vorausgesetzt, von jedem Fußballer erlernt werden können. Ein Team aus mündigen, entscheidungsfähigen Spielern würde das Kompetenzgefüge im Fußball entscheidend verändern und die taktische Kardinalhoheit des Trainerstabs zumindest antasten. Das entlastet den eigenen Coach, der sich der stärker der eigentlichen Ausbildung widmen kann, statt kleinteilige Schlachtpläne zu entwerfen. Zumal seine Möglichkeiten zur Einflussnahme während des Spiels vergleichsweise limitiert sind.  Und es bereitet dem gegnerischen Trainer gehöriges Kopfzerbrechen, da sein Konzept binnen Minuten auf den Kopf gestellt werden kann. Alles nur, weil Spieler eigenmächtig begreifen, statt das Eingeflößte nur kassettennartig abzuspulen.

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