Weltliga? Go home, Kalle, you’re drunk!

Von 8. Oktober 2016Kolumne
Schreckgespenst

Schreckgespenster kennt der Fußball so einige. Da wäre das gute, alte Abstiegsgespenst, das verlässlich jeden Frühsommer durch die Stadien geistert. Das Formtief und die artverwandte Verletzungsmisere, dieses unerklärliche Miasma, das sich mit Vorliebe über die Rasenplätze breitet und zu dünne Kaderdecken sichtbar macht. Oder der Hooligan, ein dümmliches Fabelwesen, das gern rudelweise an öffentlichen Plätzen auftritt, um dem eigenen Verein zu schaden. Doch sind das noch die harmloseren Schädlinge, mit denen sich der gemeine Fußballfan heutzutage herum plagen muss. Das große Übel, das über all dem prangt, sich in jeder Faser dieses Sport eingenistet hat und ihn von innen heraus regelrecht verzehrt, ist, wie jeder weiß, ein anderes. Sein Name ist Kommerz.

Auch an den haben wir uns mittlerweile gewöhnt, die Toleranzgrenze gegenüber seinen raumgreifenden Tentakeln immer wieder nach oben korrigiert. Wir Fußballfans zahlen eben mal 55 Euro für ein Heimspielticket, Kategorie C. Oder 90 Latten für ein ultraleichtes Climacool-Ausweichtrikot unseres überbezahlten Idols. Wenn’s eben sein muss? Wir sind vertraut mit Brustwerbung für Baumärkte, Versicherungen und Biermarken. Mit Bandenwerbung, die dem Grad ihrer Inszenierung nach auch einem James-Cameron-Film entspringen könnte. Mit einer gewissen Skepsis nehmen wir zur Kenntnis, dass unser Klub die Saisonvorbereitung in Doha absolviert, in Shanghai oder Chicago, damit auch die Einheimischen ihre Begierde nach jenen Climacool-Trikots entwickeln können. Ok. Mit dezenten Sorgenfalten auf der Stirn registrieren wir, wie ein Oligarch aus Turkmenistan mal wieder einen englischen Drittligisten in die Premier League führen will – natürlich, weil er dem Klub schon immer nahe stand. Oder wie ein jemenetischer Ölprinz seine Millionen auf dem Transfermarkt ausschüttet, um darin seine neuen Hochglanz-Spielzeuge zu baden. Well, well. Alles bedenklich, alles diskussionswürdig. Wir in Leipzig können davon ja ein Lied singen – und sollten es auch tunlichst vermeiden, damit aufzuhören. Schließlich sind unsere Vernunft und der permanente Diskurs die einzig legitimen Mittel, die wir dieser unaufhaltsamen Marketing-Maschinerie entgegnen können. Aber um diese altbekannten Plagen soll es uns an dieser Stelle gar nicht mal gehen, sondern vielmehr um eine dunkle Wolke, die sich bereits grollend am Horizont zusammen braut.

Der unheilige Thron

Karl-Heinz Rummenigge bekommt glänzende Augen, sobald er davon spricht. Was er offiziell natürlich noch nicht darf, schließlich bergen seine Pläne reichlich Zündstoff für die Bundesliga. Für die UEFA. Die FIFA. Den professionellen Fußball überhaupt. Doch dummerweise ist unlängst in den journalistischen Blätterwald gesickert, was er im Schilde führt: Eine Weltliga soll her. Ein die Kontinente umspannender Wettbewerb, in dem sich die reichsten Klubs des Planeten in geschlossener Gesellschaft um die Krone des Fußballs (und nebenbei um Milliardensummen) balgen. Was wie der feuchte Traum eines pubertierenden FIFA-Zockers klingt – Ruhm, Reichtum, Weltherrschaft – entpuppt sich jedoch als bitterböse Realität und die vielleicht größte Gefahr für die Integrität unseres Sports seit Joseph Blatter.

Rummenigge gefällt sich in seiner Rolle, als ständiger Provokateur und unnachgiebiger Advokat seines Unternehmens, der FC Bayern München AG. Verbissen kämpft er, um was alle Aktiengesellschaften dieser Welt kämpfen: nämlich jeden gottverdammten Cent. Und das mit einigem Erfolg. Erst jüngst hat er als Oberhaupt der European Club Association (ECA) eine Reform der Geldervergabe in Europas Königsklasse erwirkt. Die Eliteklubs, die ohnehin schon Jahr für Jahr den Champions League-Titel unter sich ausmachen, erhalten endlich höhere Prämien. Die finanzielle Kluft zum nationalen Unterbau und seinen Mittelstandsvereinen wird größer und größer, ebenso wie der Abstand zu kleineren Fußballnationen. Die Dominanz der europäischen Top-Klubs (und somit auch der Bayern) konnte somit auf Jahre hin gefestigt werden. Doch was sind schon Jahre, wenn man auch Jahrzehnte haben kann? Oder gleich eine Garantiesumme für die Ewigkeit?

Die Weltliga ist der Schlüssel zur endgültigen Loslösung von den restriktiven Fesseln der Verbände. Ein Privatklub der Superreichen, die sich durch die eigenen Größen- und Reichweitenvorteile gewaltige Renditen zuschachern. Die ultimative Globalisierung (oder Amerikanisierung?) des Fußballs. Und nicht zuletzt ein marktwirtschaftliches Monopol. Lebhaft lässt sich vorstellen, wie Kalle Rummenigge sich allein bei diesem Gedanken frohlockend die Hände reibt. Seine Bayern, allein auf dem Olymp der Fußballwelt – und nach ihm die Sintflut. Es mag ja noch verständlich sein, dass jemand für seinen Klub nur das Beste will. Dazu zählt neben dem sportlichen gewiss auch der ökonomische Erfolg. I get it. Doch wie man gerade als ehemaliger Profi, als Sportsmann und Liebhaber dieses Spiels für eine derart hirnverbrannte Idee eintreten kann, erschließt sich mir nicht. Denn bei dieser Entscheidung geht es nicht nur um die Partikularinteressen eines Vereins bzw. Unternehmens, sondern ebenso um die Interessen ganzer Verbände und Ligen, der Fans und Zuschauer und nicht zuletzt um die Erhaltung der Grundprinzipien des sportlich-fairen Wettbewerbs. Vielleicht ist dem Kalle das ja einfach nicht bewusst? Deshalb möchte ich ihm im Folgenden eine kleine Denkstütze mitgeben und in einer Handvoll Punkten darlegen, warum man alles in die Waagschale werfen sollte, um das Schreckgespenst namens Weltliga schnellstmöglich wieder zu vertreiben.

I. Ein Fantasietitel aus der Kaugummi-Fabrik

Abseits von all dem Geld, das im Profisport ohne Reue verprasst wird, bemisst sich der Erfolg eines Fußballers noch immer zuvorderst an Titeln. Schließlich muss es ja auch einen Endzweck geben, für den zu ackern sich lohnt. Ein zyklisches Ziel, das den Sportlern wie ihren Anhängern als Orientierung und potenzieller Tagtraum her hält. Wie erstrebenswert ein solcher Titel ist, hängt insbesondere von seiner Trag- und Reichweite ab. Um einen Titel zu definieren, benötigt es also stets einen realgesellschaftlichen Bezugsrahmen. So ist es ziemlich cool, ein „Kreisliga-Meister 2008/09“ auf seinem handbeflockten Aufstiegsshirt prangen zu haben – zumindest innerhalb dieses Landkreises. Ein Landespokalsieg hat da schon eine größere Tragweite. Oder ein Bundesliga-Titel, ganz zu schweigen von internationalen Ruhmestaten. Warum? Weil die Strahlkraft der Titel einfach immer ein Stück weiter in die Welt hinaus reicht, es aber prinzipiell jedem Verein im jeweiligen Bezugsrahmen möglich ist, in diesen Wettstreit einzugreifen. Anders beim avisierten Weltliga-Format. Zwar ist die Reichweite nominell groß, doch erstreckt sie sich „nur“ über jene Menschenmenge, die Interesse an den teilnehmenden Klubs zeigt. Der Weltliga-Titel besitzt keinen topografischen Anker wie etwa ein UEFA-weiter Wettbewerb, weswegen er kein gesamtgesellschaftliches Ereignis darstellt. Vielmehr fußt die Vergabe dieses Titels auf Willkür – Willkür bei der Zusammenstellung der Liga, Willkür bei der Vergabe von Geldern, Willkür bei der Regulierung der teilnehmenden Klubs. Ganz ähnlich also, wie bei einem dieser dubiosen Vorbereitungsturniere in Übersee, beispielsweise beim International Champions Cup (ICC), der von einer Promotionfirma angeleiert und kuratiert wird. Zwar kicken dort großartige Teams, aber ohne jedwede öffentliche Relevanz, weil der Wettbewerb nichts weiter ist als ein Kunstprodukt zur globalen Vermarktung der Klubs und Stakeholder. Eine Weltliga würde auf demselben Prinzip gründen und die Klubs einen Titel ausspielen, der im üblichen Marketing-Sprech zwar imposant klingt und vor allem eine Menge Kohle verspricht, aber gesellschaftlich in keinster Weise verhaftet ist.

II. Der Anfang vom Immergleichen – Reloaded!

Real Madrid gegen Atlético, Bayern gegen Dortmund, Barca gegen Arsenal oder das Manchester-Derby – Partien, die bei jedem Liebhaber des runden Leders ein aufgeregtes Kribbeln auslösen. Denn diese Spiele markieren die Highlights in einer langen, kräftezehrenden Saison, in der es durch fußballerisches Hinterland zu tingeln und von Darmstadt bis Livorno unzählige Pflichtaufgaben zu meistern gilt. Das Aufeinandertreffen zweier Fußballgroßmächte ist – oder war? – stets ein Ereignis, das seine Bedeutung aus seiner Besonderheit schöpft. Aus jener seltenen Konstellation, die 22 Kicker von internationalem Format auf einer Grünfläche zusammen pfercht und großen Sport verheißt. Was geschieht nun aber, wenn daraus Alltag wird? Schon jetzt ist der vollgepackte Spielplan von Verbänden, UEFA und FIFA eine Zumutung für den Durchschnittsfan. Champions League, Liga, Euroleague, diverse Supercups, Klub-WM – und überall das dumpfe Gefühl, all das schon mal gesehen zu haben. Oder zig-mal. Schließlich machen schon seit Jahren die immerselben Vereine die großen Titel unter sich aus, sodass es in der Endphase der Saison durchaus passieren kann, dass Real und Barca binnen dreier Wochen gleich fünfmal gegeneinander antreten müssen. Mittlerweile gibt es unzählige Paarungen, die den Zuschauer nur noch anöden anstatt ihn zu elektrisieren. Oder ihn endgültig dem Überdruss an permanenter Fußballbestrahlung ausliefern. Bestes Beispiel ist die Premier League, an der es quasi jedes Wochenende „Top-Spiele“ und Derbys hagelt, die von der Liga und den angeschlossenen Sendeanstalten natürlich jedes (gottverdammte!) Mal als epischstes Gefecht seit Menschengedenken verkauft werden. Eine Weltliga im Sinne von Rummenigge und Co. würde diese Pathetisierung endgültig auf die Spitze treiben. Immergleiche Duelle immergleicher Kontrahenten – nur diesmal noch geiler! Wo diffuse Setzkoeffizienten und ungerechte Prämienschlüssel bereits im regulären Spielbetrieb dafür sorgen, dass es an Dynamik und Abwechslung fehlt, so bedeutet eine Weltliga die endgültige Kultivierung eines lauwarm aufgebrühten Fußball-Mainstreams.

III. Ein Luftschloss ohne Basis

Betrachtet man diese schwindelerregenden Unsummen, die im bezahlten Fußball umgesetzt werden, sollte man niemals vergessen zu fragen, woher diese überhaupt rühren. Es ist ja schließlich nicht so, dass Sponsoren ihr Geld einfach an den Lieblingsklub des Abteilungsleiters verschenken würden. Fußball ist sowohl ein Produkt, das Vereine, Ligen und Verbände verkaufen, als auch ein Markt, über den fußballnahe oder fremde Produkte verkauft werden. Adressat und potenzieller Käufer in Personalunion ist dabei immer der Fan. Er blecht für den horrenden Eintritt ins Stadion, deckt sich und den Junior mit Fanartikeln ein, abonniert Pay-TV-Sender, um auch das Auswärtsspiel in Soligorsk live verfolgen zu können. Er ist es, der dazu eine Kiste Carlsberg trinken, einen Big Tasty Bacon essen und am besten den neuen Hybrid-Audi fahren soll. Würde er sich all dem verweigern und plötzlich keinen Spitzenfußball mehr schauen, könnte Neymar keine 43,5 Millionen Euro im Jahr für Friseurbesuche und Nachtklubs ausgeben. Und die Rummenigge-AG (und natürlich auch alle anderen Großklubs dieser Welt) nicht mehr so vulgär mit den Scheinen wedeln. Die entscheidende Frage ist also: Warum sollte sich der Südkurven-Fan aus München-Giesing – immerhin das ökonomische Fundament dieses Unterfangens – das Produkt Weltliga antun? Was hat er davon, was er nicht schon in den anderen Klubwettbewerben Jahr um Jahr aufsaugt? Die ernüchternde Antwort ist: Es spielt keine Rolle. Weil München-Giesing dann kein relevanter Zielmarkt mehr ist. Die Spiele finden ja ohnehin verstreut über den Globus statt. Das zahlungskräftige Millionenpublikum, das vom 24/7-Fußballkonsum noch nicht gesättigt und deshalb über alle Maßen begeisterungsfähig ist, lebt in Fernost. Oder Fernwest. Auf jeden Fall fern. Dort sollen Deals geschlossen werden, nicht vor der eigenen Haustür. Dass der Verein sich auf diese Weise völlig von seiner Basis entfremdet – geschenkt! Wird sich schon durch ein paar Autogrammstunden kitten lassen. So handhaben die Big Player das ja bereits heute. Ob das aber in noch größerem Maßstab funktioniert, darf bezweifelt werden. Die Fanbasis jettet nicht nach Dubai, um ihrem Team beizustehen. Die Fanbasis hat auch keinen Bezug zu überdimensionierten Plastik-Trophäen, mit denen sie hausieren gehen können. Fußball ist immer auch ein soziales und lokales Phänomen. Enthebt man das Spiel in eine schillernde Seifenblase, sieht das vielleicht hübsch aus, sorgt aber für ein Verbundenheitsgefühl, das in etwa so groß ist, wie das zwischen mir und meinem Markentoaster. Wer global und unselektiv Kunden akquiriert, wird lokal zwangsläufig Fans welche verlieren. Und ohne die ist traditioneller Vereinsfußball nur schwer vorstellbar.

V. Guangzhou…wer?

Weltliga – wie herrschaftlich das schon klingt! Der Titel verspricht nichts Geringeres als das ultimative Turnier, einen Wettstreit zwischen den Besten der Besten, einen Culture Clash zwischen all den großen Fußballnationen dieses Planeten: England, Spanien, Deutschland, Brasilien, Argentinien, China, Saudi-Arabien, Südafrika…wait, what? Das Thema mit der lokalen Basis hatten wir ja gerade. Damit eine Weltliga auch in den Zielmärkten funktioniert, für die sie eigens aus der Taufe gehoben wird, braucht es natürlich auch einen Identifikationsstifter vor Ort. Klar, man könnte auch einfach die Champions League in Metropolen rund um den Erdball austragen, damit jederman in den Genuss dieses Wanderzirkus kommen kann. Marketing-Touren durch Asien oder NBA-Spiele in Europa zeigen ja bereits, wie prima so ein Format beim unbeleckten, aber dafür zahlungskräftigen Publikum ankommt. Allerdings verkauft sich all der Rummel deutlich besser, wenn auch ein paar Local Heroes mitmischen. Sonst wäre die Weltliga ja auch nicht repräsentativ und würde ihrem Anspruch hinterher hinken, auch wirklich-wirklich das beste Team der ganzen, weiten Welt zu küren. Dass die Local Heroes x-beliebige Fußballsöldner sind, die es in Europa nicht mehr packen und bequem dem Ruf des Geldes in die chinesische Provinz folgen, das interessiert erst in zweiter Linie. Wenn überhaupt. So messen sich die Bayern Münchens und Real Madrids dieser Welt dann mit kurzfristig aus dem Boden gestampften Synthetik-Truppen, die sportlich reizlos und in ihrer ganzen Klubkultur zutiefst bedenklich sind. Egal ob dort dann Guangzhou Evergrande kickt oder irgendein Fantasy-Manager-Team aus der katarischen Wüste – diese Spiele versprühen alles andere als Magie. Es ist das immerselbe Problem an einem Zirkus, am Zoo oder am Schaufenster bei Dior: Was man dort zu sehen bekommt, ist nicht echt. Hat keine Substanz. Lässt sich nicht in die wirkliche Welt hinüber retten. Mal ganz davon abgesehen, dass die alteingesessenen Platzhirsche (die ja hinter dem Konstrukt Weltliga stecken) niemals zulassen würden, von derlei Klub-Attrappen übertrumpft zu werden. Weswegen sich auch hier nur eine Handvoll ewiggleicher Teams um den Titel streiten würden. Wer sich von der Weltliga frischen Wind verspricht oder gar einen Wettkampf auf Augenhöhe, der ist naiv.

V. Der Rummenigge’sche Imperativ

Im medialen Dunstkreis von RB Leipzig ist man ständigen Anfeindungen ausgesetzt. Vom Retortenklub ist die Rede, von unlauterem Transfergebaren oder vom Verein ohne Mitglieder. Dass es hier Gesprächsbedarf gibt, sehen wohl selbst die eifrigsten Verfechter der Roten Bullen ein. Und es ist essenziell, dass diese Debatten geführt werden. Seit neuestem kursiert aber ein weiteres Totschlag-Argument, mit dem man unweigerlich konfrontiert wird, versucht man das Leipziger Modell gegenüber traditionellen Vereinsstrukturen zu rechtfertigen: das Argument der Intention. Demzufolge lässt sich die Demarkationslinie zwischen einem respektablen (Traditions-)Verein und einem zwielichtigen Investorenspielzeug anhand jener Motive ziehen, die dem Spielbetrieb zugrunde liegen. Der Traditionsverein spielt Fußball um des Fußballspielens willen. Der Retortenklub, um damit eine Marke oder ein Produkt zu verkaufen. Alles auf dem Weg zum Point of Sale – also vor allem das Fußballspielen – sei demnach nur notwendiges Beiwerk. Zugegeben: Das Argument klingt zunächst plausibel. Und wie die üblichen Hetzartikel und anliegende Kommentarspalten belegen, erfreut es sich auch großer Beliebtheit, gleichermaßen unter Fans wie auch bei den Verantwortlichen besagter Kultklubs, die keine Gelegenheit für einen verbalen Seitenhieb auslassen. So beispielsweise auch Rummenigge und seine Bayern. Uns soll es aber an dieser Stelle gar nicht darum gehen, die Existenz von RB Leipzig zu legitimieren, sondern um das Argument selbst – denn bei näherer Betrachtung hinkt es doch gewaltig. Das Argument impliziert, dass die ursprüngliche (Gründungs-)Intention eines Vereins sich nicht von den gegenwärtigen Intentionen der jeweiligen Vereinsführung unterscheidet, sondern konstant auf den größtmöglichen fußballerischen Erfolg zielt. Seitdem fußballerischer Erfolg aber auch überproportionalen ökonomischem Erfolg verheißt, treten beide Intentionen untrennbar in Wechselwirkung. Versucht man heute das Leitbild eines Vereins zu enträtseln, ist es wie mit dem Ei und dem Huhn. Man fragt sich: Was war zuerst? Geld beschaffen, um Ball zuspielen? Oder Ball zu spielen, um Geld zu machen? Wie so oft im Leben liegt die Wahrheit in den Grautönen zwischen der üblichen Schwarz-Weiß-Malerei. Was sich hingegen einwandfrei feststellen lässt, ist die Intention hinter einer so gearteten Weltliga. Sie dient den ohnehin schon riesigen Fußball-Franchises und ihren Geldgebern einzig und allein zu Vermarktungszwecken. Die Argumentationskette, dass man ja den Zaster so dringend benötigt, um „international konkurrenzfähig“ zu bleiben, greift hier nicht mehr. Schließlich stecken die vermeintlichen Konkurrenten unter derselben Decke. Und einen größeren Bezugsrahmen als eine Weltliga, die zu gewinnen ja das Maximum des sportlich Erreichbaren darstellen muss, gibt es ebenfalls nicht. Was also ist dann das Endziel, wenn man einmal diesen nutzlosen Pott im Trophäenschrank hat? Gibt man dann das Geldverdienen einfach auf und sagt sich: Jetzt haben wir alles erreicht, jetzt können wir endlich wieder mit den Kumpels kicken gehen? Wohl kaum. Der Kommerz ist auch im Profifußball ein sich selbst antreibendes Wasserrad. Und jeder Klub, der nach seinen Regeln spielt, wird zwangsläufig auf Erfolge abzielen, die nicht mehr allein im sozialen oder sportlichen Sektor liegen können. Egal ob der Verein nun RB Leipzig heißt oder Bayern München.

VI. Die Zweiteilung der Welt

Als das Thema Weltliga durch die Presse fegte, erhitzten sich allerorts die Gemüter, ganz besonders, weil die (ohnehin bereits eklatante) finanzielle Schere zwischen Durchschnitts- und Eliteklubs nun gänzlich zu zerspringen drohte. Was auch absolut der Wahrheit entspricht und jeden Tobsuchtsanfall wert ist. Was in diesem Diskurs hingegen – für meinen Geschmack – etwas zu kurz kam, sind die ganz banalen logistischen Probleme, die ein solcher Wettbewerb hervorrufen muss. Nehmen wir mal an: In der Weltliga sollen zwei deutsche Teams einen festen Startplatz haben, also höchstwahrscheinlich Bayern und Dortmund. Andere große Fußballnationen stellen ebenfalls zwei, drei oder England vielleicht ein halbes Dutzend Klubs. Plus die Exotenteams aus potenziellen Wachstumsmärkten. Dann haben wir schnell ein stattliches Teilnehmerfeld beisammen. Allein schon wenn 16 hypothetische Teams aus aller Herren Länder in einem schlank gehaltenen Saisonmodus gegeneinander antreten sollen, dann ist das ein Full-Time-Job für alle Beteiligten. Wer glaubt, das könne man neben dem regulären Ligabetrieb mal eben abfrühstücken, der irrt gewaltig. Von internationalen Rahmenspielplänen gar nicht erst zu sprechen. Fakt ist: Wird dieses Weltligaformat in die Tat umgesetzt, werden entweder die Top-Ligen oder die europäischen Klubwettbewerbe ihre Zugpferde einbüßen. Mutmaßlich sogar beide. Die handverlesenen Spitzenklubs kicken dann in ihrer eigenen, selbst geschaffenen Traumblase – der Rest unverändert in der schnöden Hierarchie des Verbändesystems. Beide Modelle so in Einklang zu bringen, dass die Bayern in der Bundes- wie auch in der Weltliga zu bestaunen sind, erscheint mir unmöglich. Was würde dann geschehen? Plötzlich stünden Europas oberste Spielklassen ohne ihre Publikumsmagneten und Aushängeschilder da. Von heut auf morgen hätten die nationalen bzw. internationalen Verbände einen unmittelbaren sowie extrem potenten Konkurrenten, der sich einfach aus ihrer Mitte ausgegründet hat. Das einhergehende Machtspiel will man sich gar nicht erst ausmalen. Natürlich würden dann alle Partien so terminiert, dass sie zeitgleich zur Konkurrenzveranstaltung stattfinden. Vielleicht würden Deutschlands Fußballamateure dann geschlossen anstoßen, wenn Borussia Dortmund um 4:30 Uhr mitteleuropäischer Zeit in Shanghai aufläuft – mal überspitzt dargestellt. Oder die Verbände schließen die Weltliga-Teilnehmer einfach rigoros aus ihren Strukturen aus, was ein einmaliges bürokratisches Chaos nach sich ziehen würde. Und dann erst all die Finanzen! Groteske Szenarien wären dann unvermeidlich an der Tagesordnung, bis die Fußballwelt sich endgültig in eine Zweiklassengesellschaft gespalten hat. Auf der einen Seite schwerreiche Show-Teams mitsamt ihres opulenten Marketingtross, die gegen entsprechendes Handgeld wahrscheinlich auch auf dem Mond kicken würden. Auf der anderen Seite ein abgespecktes Ligensystem, das seine Vorzeigemannschaften und unzählige Stars verloren hätte, vielleicht aber mit einem geläuterten Selbstverständnis von Neuem aufblühen würde. Vielleicht ja doch keine schlechte Sache, so eine Weltliga?

VII. Die Amerikanisierung des Abendlandes

In Anbetracht all dieser Komplikationen und Unwägbarkeiten stellt sich die Frage, wer für diese absonderliche Idee eigentlich seinen Hut in den Ring werfen will. Neben den Bayern unter ihrem Rädelsführer Rummenigge geisterten vor allem Real Madrid und Juventus Turin als mögliche Mit-Konspirateure durch die Presse. Klubs, die dem Durchschnitt ihrer nationalen Ligen ohnehin uneinholbar enteilt sind und immer wieder durch aggressive Geschäftspolitik von sich reden machen. Wenig überraschend, dass diese Klubs jede Vereinskultur mit Füßen treten würden, um ihre globale Expansion voran zu treiben. Aber wie verhält es sich etwa mit den Engländern? Welchen Grund hätten die bereits jetzt übervorteilten Premier League-Megalomanen, ihre finanzielle Ausnahmestellung für so ein heikles Vorhaben zu riskieren? Nicht zu erwähnen, dass es da draußen auch noch Vereine geben soll, die sich auch primär als solche verstehen und nicht als lukratives Jointventure. Die Akquise von moralbefreiten Mitspielern dürfte sich – allen monetären Verlockungen zum Trotz – als knifflig erweisen. Am Ende entsteht so kein Wettbewerb der herausragenden Sportmannschaften, sondern eine pseudo-elitäre Gemeinde von Yachtklubkumpels und High-Finance-Kontakten, die zunächst ihren Sportsgeist an der Weltliga-Garderobe abgeben müssen, bevor der erste Ball in Kalkutta rollt. Damit auch alle „Partner“ von diesem unheiligen Bündnis profitieren, wird es Regeln geben müssen. Regeln, die nicht von neutralen Instanzen wie Verbänden geschaffen werden, sondern Terms of Business, ausgehandelt am Konferenztisch hoch über den Straßen einer x-beliebigen Bankenmetropole. Und wer einmal in diesem Privatklub steckt, wird schlecht wieder heraus kommen. Der Rückweg in die landeseigenen Verbandsstrukturen scheint unvorstellbar; umgekehrt werden natürlich auch die Verbände alles versuchen, um weitere Abwanderer zu vermeiden. Eine sportliche Qualifikation für die Weltliga, Auf- oder Abstiegsrunden wird es nicht geben. In Folge auch keine Binnendynamik. Alle teilnehmenden Klubs werden sich durch massive Investitionen auf ein und dasselbe Leistungsniveau annähern. Die Spieler wie prämiertes Zuchtvieh herum gereicht, weil sie, dem abnormen Gehaltsgefüge der Weltliga sei Dank, für die „alte“ Fußballwelt verdorben wurden. Das Resultat sind amerikanische Verhältnisse, die stark an die Strukturen der dort ansässigen Profiligen erinnern. Ein sich selbst erhaltendes System immergleicher Teams, Teilnahme nur via Buy-In, überbordende Glanz-und-Gloria-Vermarktung und schleimtriefender Starkult. Tendenzen, die bereits heute ekelhafte Ausmaße erreicht haben. Doch das Ende der Fahnenstange ist noch längst nicht in Sicht. Und nicht zuletzt würde dieser Wettbewerb dann einbüßen, was den Fußball entgegen allem Dollargeheische noch immer so liebenswert macht: Das Duell von klein und groß, Underdog vs. Serienmeister, wackerer Mannschaftssport gegen überbezahlte Starensembles. Es gibt nun mal keinen David in einer Liga voller Goliaths – und somit auch keine Fußballmärchen mehr.

 

Also, lieber Kalle (und all ihr anderen Albträume rechtschaffender Sportsfreunde): Falls du das gelesen hast, empfehle ich dir, jetzt dein Macbook zu schließen, dir ein wenig Zeit für dich zu nehmen – vielleicht bei einem Spaziergang im Park – noch mal in dich zu gehen und ganz genau zu überlegen, ob das oben geschilderte Szenario wirklich das ist, was du willst. Und ob du dich dafür verantworten möchtest vor Abermillionen Fußballfans, die ihr letztes Hemd (oder bald genug ihren letzten Cent) für ihre Leidenschaft opfern würden. Vor den talentierten Jungen und Mädchen, die mit großen Augen aufschauen zu ihren unerreichbar gewordenen Vorbildern. Oder vor den passionierten Amateurfußballern, die noch aus Liebe zum Spiel auf dem Rasen stehen, während sie Tag für Tag für ihren Unterhalt schuften – und dabei in ihrem ganzen Leben nicht so viel verdienen, wie ein durchschnittlicher Weltliga-Kicker in einer Woche.

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt, liebe Fußballfans. Immerhin halten wir zumindest noch einen der entgleitenden Zügel mit unseren Fingerspitzen umklammert. Denn wir sind die Basis, auf dem all diese Hybris gründet. Entziehen wir uns diesem Wahnsinn und verneinen die grassierende Gier des Immermehr, dann stürzt das Kartenhaus von Rummenigge, Florentino Pérez und ihren Investorenfreunden von selbst in sich zusammen. Schließlich ist die Hinwendung zum Realen und Greifbaren – ob es nun die örtliche Dorftruppe oder die Bundesliga ist – noch immer das beste Mittel, um sich den durchglobalisierten Allmachtsvisionen irgendwelcher Finanzvorstände und PR-Strategen zu erwehren.

 

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