Kaderanalyse RB Leipzig: Torwart

Von 4. August 2016Kaderanalyse
Torwart

Die Saisonvorbereitung läuft auf Hochtouren, die Intensität steigt, ebenso wie die Spannung auf die neue Bundesliga-Spielzeit – für RB Leipzig überdies die erste der noch jungen Vereinsgeschichte. Zeit also, einen Blick auf die wackeren Mannen zu riskieren, die das ausgelobte Unterfangen Klassenerhalt (und vielleicht schon ein kleines bisschen mehr) in die Tat umsetzen sollen. Den Anfang machen, ihrem natürlichen Lebensraum und dem Kanon der Rückennummern folgend, selbstverständlich die Torhüter.

Aus drei macht eins

Üblicherweise hat man als Redakteur an dieser Stelle leichtes Spiel: Da gibt es die unantastbare Nummer eins, die in Deutschland traditionell über jeden Zweifel erhaben ist. Den Herausforderer im zweiten Glied, der moderaten Druck ausüben soll. Und dann natürlich noch den talentierten Jungspund/beinalten Routinier, der ein bisschen Bundesligaluft schnuppern/das Team als Maskottchen und künftiger Torwarttrainer pushen soll. Doch nicht in Leipzig, wo man sich (mehr oder weniger) bewusst für ein anderes Modell entschieden hat, nachdem sich die Wunschkandidaten Bernd Leno und Timo Horn gegen einen Wechsel zu den Bullen aussprachen. So tritt anstelle einer eindeutigen Hackordnung ein offener Konkurrenzkampf. Mit Urgestein Fabio Coltorti, Ungarns Nationaltorhüter Péter Gulácsi und Neuerwerbung Marius Müller führt RB gleich drei Schlussmänner ins Feld, die berechtigterweise Ansprüche auf den Platz an der Sonne bzw. zwischen den Pfosten hegen. Wer dafür die besten Aussichten genießt und wen der Autor gern im Kasten hätte, verrät euch die Kaderanalyse.

Der Abgebrühte: Fabio Coltorti

Leipzigs langjähriger Stammkeeper (seit 2012 im Verein) und Vizekapitän steht vor einer schwierigen Spielzeit. Der 35-jährige Schweizer kommt allmählich in ein Alter, das auch für Torhüter nicht mehr als jugendlich durchgeht. Im eher perspektivisch ausgerichteten RB-Projekt ist das keine besonders gute Ausgangsituation. Zudem setzte ihn eine Schulterverletzung im Februar diesen Jahres vorübergehend außer Gefecht, was sein Kontrahent Péter Gulácsi für sich zu nutzen wusste und das Urgestein für den Rest der Saison auf die Bank verbannte. Coltorti ist nun wieder einhundertprozentig genesen und möchte noch einmal angreifen, um seinen Bundesligatraum im RB-Kasten zu verwirklichen. Dass es dazu kommen wird, erscheint jedoch zweifelhaft, hat Ralph Hasenhüttl doch zwei jüngere Kandidaten zur Auswahl, die in Sachen Leistungsniveau keineswegs abfallen. Vielmehr liegt der Verdacht nahe, dass Coltorti sogar auf Position drei im Ranking zurückfällt und allmählich in eine Rolle als Mentor für die aufrückenden Kollegen wachsen soll.

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  • Aufstiegsheld & Publikumsliebling
  • immenser Erfahrungsschatz
  • kompromisslose Strafraumbeherrschung
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  • hohes Alter, wenig Perspektive
  • verletzungsanfällig
  • mitunter waghalsig bis kopflos

Der Sparsame: Péter Gulácsi

Der Ungar musste lange auf seine Chance warten, sprang dann in der Rückrunde für den verletzten Coltorti in die Bresche und wusste dabei durchaus zu gefallen (14 Einsätze, Kicker-Notenschnitt 2,82). Besonders auffällig: seine Unauffälligkeit – was für einen Torhüter durchaus ein Gütesiegel sein kann. Gulácsi unterlaufen nur ausgesprochen wenige Fehler, stets reagiert er besonnen und versucht, potenzielle Risiken im Keim zu ersticken. Das gelang ihm so gut, dass sein Trainer keinen Anlass fand, ihn wieder gegen die nominelle Nummer eins auszutauschen. Mit diesem Nimbus im Rücken dürfte Gulácsi auch an vorderster Front ins Stammplatzrennen gehen. Allerdings – und das ist die Kehrseite der Beständigkeit – ist er bisher noch nicht in der Lage gewesen, Spiele auch mal durch außergewöhnliche Leistungen zugunsten der Leipziger zu entscheiden, was in Liga eins durchaus ein Kriterium werden könnte. Zudem verfügt er (noch) nicht über die Ausstrahlung und Leaderqualitäten, die arrivierte Schlussmänner (u.a. Coltorti) üblicherweise auszeichnen.

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  • sicherer Rückhalt
  • solide in allen Bereichen
  • souveräne Rückrunde 2016
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  • kein emotionaler Leader
  • zu selten spielentscheidend
  • muss sich noch über längeren Zeitraum beweisen

Der Neue: Marius Müller

Jung, deutsch und reichlich Potenzial – Marius Müller bringt eigentlich alles mit, was die Leipziger Scouts besonders gern sehen. Also eigentlich naheliegend, den 1,93 Meter großen Hüter für 1,7 Mio. Euro aus Kaiserslautern loszueisen. Allerdings – und das sollte an dieser Stelle nicht vergessen werden – hätte der Transfermarkt auch andere Kandidaten geboten, auf welche diese Qualitätsmerkmale zutreffen und die bereits deutlich mehr nationale oder gar internationale Erfahrung vorzuweisen haben. Das ist den RB-Verantwortlichen sicher auch nicht entgangen, weswegen Müllers Wechsel ein wenig der fade Beigeschmack einer 1B- oder C-Lösung anhaftet. Im Gegensatz etwa zu einem kolportierten Timo Horn wird sich der dreimalige U20-Nationalkeeper seine Sporen noch erarbeiten müssen, zumal er nur auf eine einzige Zweitligasaison als Stammtorhüter aufbauen kann. Diese bestritt er auf ordentlichem Niveau (Kicker-Notenschnitt 2,98), wenngleich nicht ohne Fehl und Tadel. Manchmal sicherte er den Roten Teufeln drei Punkte im Alleingang, manchmal schenkte er sie aber auch dem Gegner und bildet in seiner Hop-oder-Top-Manier das Gegenmodell zu Péter Gulácsi. Kann Müller aber an Konstanz zulegen, ist er perspektivisch gesehen zweifellos der vielversprechendste Kandidat unter den drei Torhütern im RB-Kader.

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  • großartige Reflexe
  • kann sich in einen „Rausch“ halten
  • jung und athletisch
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  • keine Erstligaerfahrung
  • bisweilen fehleranfällig & inkonstant
  • geringes internes Standing

Fazit & Ausblick

Drei Torwächter auf einem ähnlichen Leistungsniveau im Team zu haben, ist ein seltener Luxus im Profifußball. Oder doch eher ein Luxusproblem? Egal, wer am Ende das Gestänge hüten wird, der permanente Konkurrenzkampf wird nicht spurlos an den Beteiligten vorbei gehen. Den einen mag der Druck beflügeln, den anderen hingegen vielleicht verunsichern. Hier ist einiges Fingerspitzengefühl der sportlichen Führung gefordert, um situativ den richtigen Mann auszuwählen und mit der nötigen Rückendeckung zu versehen.

Ganz abwegig scheint es deshalb nicht, dass Haudegen Fabio Coltorti noch mal ein gewichtiges Wörtchen mitreden wird im Ringen um die Eins. Schließlich muss er niemandem mehr etwas beweisen (außer sich selbst) und ist nicht gerade für flatternde Nerven bekannt. Schwer vorstellbar allerdings, dass er zum Saisonstart in Hoffenheim zwischen den Pfosten stehen wird, was die jüngeren Konkurrenten sicher als Affront auffassen würden.

Mein Tipp: Coltorti wird im Laufe der Saison noch einmal wichtig, sei es als Motivator von außen oder als Backup in der Liga.

Péter Gulácsi hingegen stieß erst mit einiger EM-Verspätung zu den Roten Bullen und schlägt sich seither mit kleineren Blessuren herum. Ungarns designierte Nummer eins (nach dem Rücktritt von Gabor Kiraly) wäre sonst sicher von der Pole Position ins Rennen um den Stammplatz gestartet. So hingegen ist er in die Defensive gedrängt und muss seine ansprechende Rückrunde erst einmal intern bestätigen.

Mein Tipp: Diesen Druck wird man Gulácsi anmerken und er wird sich zu Beginn der Saison erst einmal Selbstvertrauen holen müssen – oder zunächst mit der Bank vorlieb nehmen.

Großer Nutznießer dieser Situation könnte Neuzugang Marius Müller werden. Der Ex-Lauterer hängt sich im Trainingslager voll rein und hat die Rolle des Herausforderers angenommen. Dank seiner Wucht und Präsenz sowie glänzender Reflexe könnte er den Trainerstab für sich einnehmen und beim ersten Härtetest im Pokalderby gegen Dynamo Dresden auf der Linie stehen.

Mein Tipp: Müller wird seine Chance bekommen und darf sich beweisen. Hält er dem Druck stand, erscheint es vorstellbar, dass der Neue mittelfristig zum Stammpersonal avanciert.

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