Kaderanalyse RB Leipzig: Sturm

Von 17. September 2016Kaderanalyse
Sturm

Im vierten und letzten Teil unserer Kaderanalyse stehen die Mannen von der vordersten Front im Blickpunkt. Damit gemeint sind natürlich die klassischen Neuner, die im Sturmzentrum die Pille in die Maschen wuchten. Aber auch all die Hybriden, die von Spiel zu Spiel – manchmal sogar von Spielsituation zu Spielsituation – wild zwischen ihren Rollen und den taktischen Linien changieren. Denn davon hat RB Leipzig so einige, und zwar völlig zurecht, weil diese Spielertypen unabdingbar sind für ein System, das über 90 Minuten sprunghaft zwischen seiner Defensiv- und Offensivphase oszilliert. Gewiss gibt es auch hier Aufstellungsvarianten, die weniger Flexibilität von den Angreifern erfordern als andere, doch in seinen Grundzügen verlangt bereits das taktische Mantra des Rangnick’schen Umschaltspiels ein Höchstmaß an Variabilität von seinen Protagonisten. Die Zeiten, in denen der Trainer sich noch auf seine formschöne Kreidezeichnung berief und lapidar anwies: „Yussi und Marcel, ihr spielt heut Sturm!“ – die Zeiten sind längst passé. Oder finden eben ein halbes Dutzend Spielklassen weiter unten statt. Vielmehr bewegen sich Leipzigs Offensivkräfte in gewissen Wirkungsräumen, haben dezidierte Aufgabenprofile und Triggermomente, die unterschiedliche taktische Routinen auslösen. Umso wichtiger ist deshalb das harmonische Zusammenspiel der Angreifer. Nicht nur deren Laufwege und Stärken sollten sich klassischerweise ergänzen, sondern auch ihr Defensivverhalten und Gespür für den gemeinsamen Raum. Der Kader der Bullen lässt in seiner Breite verschiedenste Konstellationen zu, die nach solcherlei Kriterien sorgsam abgewogen werden wollen. Welche Modelle im Sturm denkbar sind und mit welchem Personal, schauen wir uns im Folgenden genauer an.

Mittelstürmer im Kader: Yussuf Poulsen (22), Davie Selke (21), Timo Werner (20), Terrence Boyd (25)

Flügelstürmer: Timo Werner, Yussuf Poulsen, Marcel Sabitzer (22), Oliver Burke (19), Emil Forsberg (24)

Hängende Spitzen und „falsche“ Neuner: Marcel Sabitzer, Emil Forsberg, Dominik Kaiser (28), Naby Keita (21)

4-2-2-2, Modell „Brecher & Wusler“

Hat sich in der vergangenen Rückrunde als auch in den ersten Atemzügen der jungen Saison etabliert und wird aktuell vom Trainergespann bevorzugt. In dieser Variante bewegt sich ein agiler Spieler, zumeist Marcel Sabitzer oder Timo Werner, wie ein Satellit um einen massiveren Kollegen, idealerweise durch Yussuf Poulsen oder Davie Selke abgebildet. Letzterer agiert vor allem als zentrale Anspielstation. Entweder mit dem Rücken zum Tor als Wandspieler, der lange Bälle sichert und flache prallen lässt. Oder als Zielspieler für den letzten Ballkontakt zum Tor. Sein Nebenmann bewegt sich hingegen eher raumorientiert. Er kann sich Bälle aus dem Mittelfeld abholen, auf die Flügel ausschwenken oder im Schatten seines Kollegen in die Tiefe starten. Hierfür braucht es einen quirligen Spielertyp, der sowohl laufstark als auch spielintelligent ist. Marcel Sabitzer scheint für diese Rolle prädestiniert, Timo Werner mit Abstrichen, weil er aus dem Zentrum heraus, dort, wo es richtig eng wird, noch zu oft mit dem Kopf durch die Wand will. Ihn sehe ich mittelfristig eher als Außenstürmer oder als „echten“ Neuner, nicht als cleveren Trabanten.

4-2-2-2, Modell „1984“

Eine andere Variante ohne die taktische Grundausrichtung zu ändern, bestünde darin, zwei kantige Strafraumstürmer gemeinsam auflaufen zu lassen – wie in längst vergessenen Fußballtagen. Getreu dem Motto: Einfach hoch rein die Kirsche, irgendwer wird schon den Schädel dran halten! Klingt nicht nach der feinen Klinge, sondern eher nach Brechstange, könnte aber zur Option werden, sollte sich der Gegner rings um den eigenen Sechzehner verschanzt haben. Mit Selke und Poulsen hat RBL jedenfalls zwei sprunggewaltige Kopfballspieler und robuste Zweikämpfer in seinen Reihen. Auch Timo Werner kann ganz vorn in der Spitze kicken und verfügt über einen angeborenen Torinstinkt im Strafraum. Obendrein wäre auch Sturmtank Terrence Boyd für eine solche Aufgabe prädestiniert. Bei ihm bleibt jedoch abzuwarten, ob er nach erfolgreicher Rekonvaleszenz überhaupt wieder den Anschluss an die erste Elf schafft. Voraussetzung für ein solches System mit zwei starren Spitzen wäre aber ein entsprechend lauffreudiges Mittelfeld und agilen Außen, die auch mal eine Flanke an den Mann bringen. Darüber hinaus sollten sich die Mittelstürmer auch nicht gegenseitig auf den Füßen stehen, wie es das Duo Poulsen/Selke im letzten Jahr so manches Mal praktiziert hat. Wird man diesem Problem Herr, könnte das Modell gegen die gallischen Dörfer der Liga (Darmstadt, Ingolstadt, …) oder in Rückstand eine Option darstellen. Ansonsten im laufintensiven Leipziger System eher unwahrscheinlich.

4-2-3-1, Modell „Zielscheibe“

Wie es kam, dass Mittelstürmer früher jede Saison 30 Buden geschnürt haben? Und manche heute noch schnüren? Weil sie einfach jedes finale Zuspiel erhalten und nur noch gekonnt/akrobatisch/glücklich den Schlappen reinstrecken müssen. Was womöglich etwas despektierlich klingt, ist aber durchaus als Gütesiegel für einen Torjäger zu verstehen – schließlich muss man erst mal richtig stehen, sich seinem Gegenspieler entziehen und das Ding eben humorlos rein drücken, was in 90 Prozent der Fälle schwieriger ist, als es aussieht. Und ja, einen solchen Knipser vermisst man ein wenig bei den Roten Bullen. In ihrer Jugendzeit haben Werner und Selke zwar des Gegners Tornetz regelmäßigen Stresstests unterzogen. Im Männerbereich hat sich ihre Quote aber quasi von selbst reguliert, weil das letzte Fünkchen Ballkontrolle unter Bedrängnis eben doch (noch) manchmal fehlt. Hinzu kommt der ungleich höhere psychische Druck, mit dem auch Kollege Poulsen schon oft genug Bekanntschaft machen durfte. So wundert es nicht, dass die Leipziger Torausbeute letzte Saison eher dürftig ausfiel und Top-Torjäger Selke für ein Aufstiegsjahr eher bescheidene zehn Treffer beisteuerte. Allerdings liegt das nicht allein an der Qualität der Akteure, sondern auch am System, das klassischen Mittelstürmern wenig Freiraum lässt für das, was sie am besten können: davon pirschen und einschweißen. Dafür sind sie in aller Regel zu stark ins Kombinationsspiel eingebunden oder mit Pressing-Aufgaben beschäftigt. Würde man nun aber einem zentralen Angreifer mehr Freiheiten gewähren und das Spiel stärker auf seine Abschlussqualitäten zuschneiden, sehe ich durchaus Potenzial, dass einer aus dem Trio Poulsen, Selke oder Werner auch mal 15+ Tore einstreuen kann. Alle drei sind eigentlich hinreichend vielseitig, um sowohl per Einzelleistung, Tempogegenstoß oder Strafraumgewusel zu knipsen. Ich meine, schon deutlich einseitigeren Spielertypen ist es gelungen, sich quer durch die Liga zu bomben. Fragt mal nach bei Bas Dost. Oder Sandro Wagner. Elementar ist dafür nur, dass auch allen Mitspielern klar ist, wohin der Ball in letzter Instanz bewegt werden muss.

4-3-3, Modell „Robbery“

RB Leipzig und das 4-3-3 – eine unbefriedigende Liebschaft. In den letzten Jahren gern dargeboten, aber oftmals nur mäßig erfolgreich. Und dass, obwohl man eigentlich hochinteressantes Spielermaterial für dieses System im petto hat. Schnelle, dribbelstarke Flügelspieler wie Forsberg, Sabitzer, Werner oder Neuzugang Oliver Burke müssten so doch geeigneten Nährboden finden, um ihre Fähigkeiten auf den Rasen zu bringen. Das Muster ist dabei denkbar simpel: Spielverlagerung aus dem Zentrum auf einen der beiden Flügel, während der Angreifer andribbelt, bindet der aufgerückte Außenverteidiger einen Gegenspieler und gibt dem Ballführenden die Chance, das Eins-gegen-eins zu suchen. Mit ordentlichen Erfolgsaussichten, denn die individuellen Qualitäten der Genannten (insbesondere der Antritt mit Ball!) stehen außer Frage. Entweder zieht der Angreifer dann nach innen und schließt selbst ab oder arbeitet sich an der Sechzehnerkante bis zur Grundlinie, um dann den zentralen Stürmer (im Zweifel Poulsen oder Selke) im Rückraum zu bedienen. Meines Erachtens eine sehr vielversprechende Option für das Leipziger Angriffsspiel – aber das dachte ich auch schon die letzten beiden Saisons.

4-3-3, Modell „Dampfhammer“

Zum Abschluss noch eine exotischere Variante, die in Ansätzen bereits mehrfach zu bestaunen war, wenn mit Selke oder Poulsen einer der nominellen Brecher auf den Flügel ausweichen musste, damit der jeweils andere genug Platz zum Rangieren am Sechzehner bekommt. Prinzipiell kein schlechter Gedanke, bringen die beiden nicht nur Abschlussqualitäten mit, sondern auch enormes Tempo und eine zumindest brauchbare Ballbehandlung. Es zeigte sich allerdings, dass beide mit den Abläufen auf der Außenposition wenig vertraut waren und so nicht zu ihrem Spiel fanden. Sollte Ralph Hasenhüttl aber irgendwo ein verstaubtes Lehrvideo im Regal finden, um seine Mittelstürmer entsprechend umzuschulen, wäre plötzlich auch eine Sturmreihe Burke – Selke – Poulsen vorstellbar. Durchschnittsgröße: 1,91 Meter. Akkumulierte Masse: bestimmt 250 Kilo. In Kombination mit den Endgeschwindigkeiten, zu welchen die drei Kanten imstande sind, könnten die Leipziger einen wahrhaftigen Bullen-Sturm aufbieten. Ein so unkonventionelle Offensivwaffe dürfte einiges Stinrunzeln bei gegnerischen Trainern hervorrufen, lassen sich so nämlich hervorragend lange und hohe Bälle in die Spitze verwerten, à la Kopfballverlängerung, Einstarten, Durchtanken. Zwar bin ich skeptisch, dass sich der Trainerstab zu derlei Experimenten durchringt, aber lieber Ralph, falls du das liest, die Schaulustigen unter den Fans würden dich dafür lieben.

RB Leipzig Kaderanalyse 2016/17

 Fazit

RB Leipzig ist im Sturm – insbesondere für einen Aufsteiger – hochkarätig besetzt und verfügt über verschiedenste Varianten, um sich auf gegnerische Abwehrbollwerke einzustellen. Fraglich ist hingegen, ob davon überhaupt Gebrauch gemacht wird, denn die Verantwortlichen sind bekannt dafür, von ihrer einmal manifestierten Spielidee nur im Ausnahmefall abzurücken. Und das bedeutet im Zweifel: Erst mal nach hinten malochen und dann wird vorn schon Fortuna helfen. Hoffentlich vergeudet man so nicht das enorme Potenzial im Sturm und am Ende gar wichtige Punkte. Denn eigentlich sollte man beim vorherrschenden Stärkegefälle zwischen Defensive und Offensive des Kaders eigentlich meinen, dass man vorn lieber eine Bude mehr schießt, als den Gegner permanent zu zermürben. Regelmäßige Beobachter Leipziger Spiele wären in jedem Falle dankbar dafür.

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