Kaderanalyse RB Leipzig: Mittelfeld

von 12. September 2016Kaderanalyse
Mittelkreis

Ob 4-4-2 oder 4-3-3, ob mit Zehner, abkippendem Stürmer oder Doppelspitze, mit spielendem oder zerstörenden Achter: Polyvalenz heißt das Zauberwort bei der Zusammenstellung des Leipziger Kaders. Besonders deutlich wird dieses Mantra, betrachtet man sich das Mittelfeld der Roten Bullen. Klassische Rollenspieler finden sich in diesem Kaderteil nur noch vereinzelt. Vielmehr dominieren flexibel einsetzbare Spieler mit unterschiedlichen Stärkenprofilen, die – je nach Gegner und Spielsituation – nahezu beliebig auf dem Schachbrett manövriert werden können. Die Tiefe des Kaders kommt den Leipziger Taktikfüchsen hierbei besonders zupass, bietet dieser doch vielfältige Kombinationsmöglichkeiten, um bestimmte Angriffs- oder Defensivelemente zu betonen. Gemein ist den Mittelfeldspielern eigentlich nur ihre immense Laufstärke und Schnelligkeit, was dem Archetyp der RB-Philosophie entspricht. Worin sich die Jungs aber unterscheiden, wie sie das Spiel der Leipziger punktuell bereichern können und ob sie unter Ralph Hasenhüttl auch die Chance dazu bekommen, das erörtert unsere Kaderanalyse, Teil 3.

Stefan Ilsanker

Ist mit seiner Physis der Fels in der Brandung und die rustikale Option für die Mittelfeldzentrale. Ilsanker läuft viel, grätscht viel und ist im Luftkampf nur schwer zu bezwingen. Zudem bringt er Flachpässe durchaus manierlich an den Mann. Im Gegenzug gehen ihm Wendigkeit, Geistesgegenwart und Beschleunigung auf den ersten Metern ein wenig ab, weswegen er unbedingt einen spielstärkeren Sechser oder Achter an seiner Seite benötigt. Dank seiner Körperlichkeit, die im RB-Kader sonst etwas zu kurz kommt, dürfte er aber vorerst gesetzt sein und vor der Viererkette für Ordnung sorgen.

Diego Demme

War einer der Profiteure der Vorbereitung und des Verletzungspechs von Naby Keita und konnte auch an den ersten Spieltagen auf der Doppelsechs überzeugen. Dennoch einer der Wackelkandidaten im RB-Team. Bei ihm ist man sich nie ganz sicher, ob er das fußballerische Niveau für Liga eins mitbringt, die nötige Laufhärte und Agilität aber in jedem Fall. Demme ist überall auf dem Platz zu finden, stopft Löcher und penetriert die gegnerischen Ballverteiler unablässig. Hat er selbst den Ball am Fuß, wagt er mit großer Dynamik immer wieder vertikale Vorstöße , jedoch häufig auch mit fehlender Präzision und etwas überstürzt. Wird wohl auf kurz oder lang seinen Platz für einen offensivstärkeren Achter, wahrscheinlich Keita, abtreten müssen.

Bernardo

Kann sowohl in der Innenverteidigung auflaufen wie auch als Sechser vor der Abwehr. Zumindest hat er sich auf dieser Position in Salzburg einen Stammplatz erobern können. Bernardo weiß mit dem Ball umzugehen und das Spiel mit wohlfeilen Pässen zu öffnen. Darüber hinaus bringt er die nötige Robustheit mit, um wuchtigen Gegenspielern Herr zu werden. Klingt nach einer brauchbaren Option für die defensivere Position im Zentrum – wäre der Brasilianer nicht Brasilianer. Denn Bernardo bringt – ganz klischeetreu – zwar ein feines, aber wackliges Füßchen mit, sodass ihm gerne mal Flüchtigkeitsfehler und technische Unzulänglichkeiten im Spielaufbau unterlaufen. Jene müsste er dringend noch abstellen, um eine ernsthafte Alternative zu Stefan Ilsanker abzugeben. Voraussichtlich wird er sich zunächst hinten anstellen und um Einsatzzeiten in der Innenverteidigung feilschen müssen.

Rani Khedira

Dürfte in der Bundesliga nur noch Füllmaterial abgeben und entsprechend wenige Minuten sehen. War in der zweiten Liga ein solider Zweikämpfer und Ballverteiler, ohne aber das Leipziger Spiel ernsthaft prägen zu können. Dafür fällt sein Skill-Set zu durchschnittlich aus, ohne nennenswerte Spitzen, dafür aber mit einigen Abstrichen in Sachen Tempo und Beweglichkeit. Faktoren, die für die Spielidee vom Dauerpressing nicht unerheblich sind und vom Trainerteam besonders wertgeschätzt werden. Meine Prognose: Khedira wird sich nach einer für ihn enttäuschenden Hinrunde im Winter einen neuen Verein suchen dürfen, insbesondere weil sein Vertrag nur noch bis Juni 2017 datiert.

Naby Keita

Der 15-Millionen-Mann ist nicht nur ein Versprechen für die Zukunft, sondern dürfte RB Leipzig vom Start weg weiterhelfen können. Dank gewaltigem Laufpensum und einem ausgeglichenen Verhältnis von Offensiv- und Defensivfertigkeiten gibt Keita den idealen Box-to-Box-Player ab, ganz in der Erblinie von Koryphäen wie Arturo Vidal oder Blaise Matuidi. Hinten immer ein Bein in denen des Gegners, nach vorn dynamisch und mit einem mehr als brauchbaren Torabschluss ausgestattet – wie auch schon Borussia Dortmund am 2. Spieltag erfahren durfte. Hat er seinen Fitnessrückstand aufgeholt, sollte er einen der begehrten Stammplätze ergattern können. Fraglich ist eigentlich nur, ob als Nebenmann von Ilsanker im Zentrum oder auf einer der offensiven Halbpositionen. An beiden Stellen kann der Guineer zu einer echten Waffe avancieren.

Dominik Kaiser

Leipzigs Kapitän ist nicht erst seit dem ersten Leipziger Bundesligatreffer eine Vereinsikone, sondern weil er seit jeher mit großem Einsatz voran geht. Das schließt allerdings bereits drei gemeinsame Aufstiege ein und man muss sich zwangsläufig fragen, ob Kaiser über dasselbe unerschöpfliche Potenzial verfügt wie die RB-Franchise – oder ob er nicht irgendwann an sein Leistungslimit stößt. Die ersten Eindrücke der neuen Saison lassen aber bereits vermuten, dass der Kapitän nicht aus dem Team wegzudenken ist. Weiterhin hat hat Kaiser viele Ballaktionen, erobert sich das Leder immer wieder und weiß auch unter Druck etwas damit anzufangen. Zudem treiben seine Standards jedem Torhüter der Liga die Schweißperlen auf die Stirn. Vielleicht kann er nicht mehr mit derselben Regelmäßigkeit spielerische Akzente setzen wie noch im Unterhaus, dennoch ist seine Gegenwart auf dem Platz jederzeit eine Bereicherung für das Leipziger Spiel (und natürlich das Publikum). Sollte also vorerst gesetzt sein, wenngleich seine Lieblingsposition auf der Zehn im Leipziger System nicht mehr existiert. Muss deshalb entweder auf die Acht ausweichen oder auf den rechten Flügel, für den er nicht voll und ganz geschaffen scheint.

Zsolt Kalmár

Der Ungar hat es etwas überraschend auch diese Saison wieder in den Leipziger Profikader geschafft. Nach einer durchwachsenen Leihe beim FSV Frankfurt, bei der er aber das ein oder andere Mal sein Potenzial aufblitzen ließ, war eigentlich mit einem neuerlichen Leihgeschäft oder gar einem Transfer zu rechnen. Kalmár blieb am Ende doch und kämpft nun vornehmlich um einen Platz im 18er-Kader für den Spieltag. Sind die Leistungsträger jedoch fit, wird er sich oft genug im zweiten Glied in der Regionalliga wiederfinden. Ihm fehlt es noch an Durchsetzungsvermögen und an den entscheidenden Geistesblitzen, gerade wenn es eng wird in des Gegners Hälfte. Lässt man ihm jedoch Platz, vermag er Räume gut zu lesen und auch selbst den Abschluss zu finden. Prognose: Eine Leihe in die zweite Liga könnte ihm einen Schub und die nötige Spielpraxis verschaffen. Ansonsten leider nur Bankwärmer.

Oliver Burke

Den Königstransfer der Leipziger haben wir bereits an anderer Stelle ausführlich vorgestellt (hier geht’s zum Transfer-Check). Für den 19-Jährigen sprechen sein hünenhafter Körperbau (1,89 Meter), sein trotzdem enormes Tempo als auch sein herausragender Torabschluss mit beiden Füßen. Burkes Gesamtpaket ist damit nicht nur beachtlich, sondern obendrein exotisch, was besonders klein gewachsene Außenverteidiger vor Probleme stellen dürfte. Burke bearbeitet mit seiner irrwitzigen Geschwindigkeit zumeist den rechten Flügel, kann aber auch links agieren und von dort nach innen ziehen. Zudem ist er mit seinen Anlagen auch als Konterstürmer eine denkbare Option. Was ihm aber noch fehlt, ist die taktische Einnordung in die Rangnick’sche Pressing-Maschine. Gerade in der Rückwärtsbewegung und bei der Arbeit gegen den Ball hat der junge Schotte laut Trainer Hasenhüttl noch einiges nachzuholen, weswegen es noch ein Weilchen dauern dürfte, bis wir ihn in der Startformation wiederfinden. Das Top-Talent muss sich zunächst über Kurzeinsätze empfehlen, was dank seiner spektakulären Spielweise und permanenten Torgefahr auch gelingen könnte.

Emil Forsberg

Hatte es in der Saisonvorbereitung nicht ganz leicht, war öfter angeschlagen und bei Olympia unterwegs, weswegen er einem erheblichen Fitnessrückstand hinterher läuft – und somit auch seinen Kollegen, die bereits in der Startelf imponieren konnten. Fußballerisch ist Forsberg aber über jeden Zweifel erhaben und sollte mittelfristig auch wieder einen Stammplatz erobern können. Zu gute kommt ihm dabei seine Flexibilität, da er links wie rechts als auch zentral auf der Zehn wirbeln kann. Besonders seine Dribblings und seine Unberechnbarkeit werden für die Leipziger Offensive noch Gold wert sein, insbesondere weil der praktizierte Systemfußball sonst wenig Raum für kreative Momente lässt. Sein Schlendrian im Defensivverhalten sollte Forsberg dennoch abstellen, um nicht Gefahr zu laufen, als Rotationsspieler zu enden und nur gegen defensiv eingestellte Gegner zum Zuge zu kommen.

Marcel Sabitzer

Scheint als eine der wenigen Offensivkräfte mit einer Stammplatzgarantie ausgestattet. Egal in welchem System, irgendwo findet sich immer Platz für den polyvalenten Angreifer, der sowohl beide Flügel als auch das Sturmzentrum bespielen kann, letzteres gern auch als hängende Spitze. Sabitzer kämpft vorbildlich um jeden Ball und wenn er ihn erst mal am Fuß hat, drängt er mit großer Willensstärke und Dynamik auf das gegnerische Tor zu. Sicherlich könnte Sabitzer in mancher Situation noch effizienter werden, gerade wenn es darum geht, die richtige Entscheidung zwischen Querpass und Torabschluss zu treffen, aber auch abgesehen davon sorgt seine Anwesenheit auf dem Platz für permanente Unruhe zwischen den Abwehrreihen. Und weil er die RB-Philosophie wie kaum ein anderer verinnerlicht hat, gibt er auch im Gegenpressing zumeist den Musterschüler und ersten Verteidiger. Sein Platz unter den ersten Elf dürfte erst in Gefahr geraten, wenn ein gewisser Oliver Burke zur ernsthaften Alternative gereift ist.

Timo Werner

Sein Transfer wurde – nicht ganz zu Unrecht – mit einiger Skepsis bedacht. So auch von uns (hier geht’s zum Transfer-Check). Seine Kritiker strafte er aber mit einer überdurchschnittlichen Saisonvorbereitung Lügen und auch an den ersten beiden Spieltagen der Bundesliga-Saison deutete er seine Klasse bereits an. Enge Haken, schneller Antritt und viel Zug zum Tor kennzeichneten seine bisherigen Auftritte im RB-Dress. Da er außerdem auf beiden Außenpositionen oder als klassischer Mittelstürmer auflaufen kann, gibt es für ihn eigentlich immer einen sinnvollen Anwendungsfall. Deshalb muss ihm vor dem drohenden Konkurrenzkampf mit Forsberg, Burke und Keita nicht bange werden. Vielleicht als Sturmspitze für den wechselhaften Poulsen, vielleicht auch als Einwechselspieler in der zweiten Halbzeit – Werner wird in jedem Fall auf seine Einsatzzeiten kommen. Vorausgesetzt er arbeitet auch weiterhin so vorbildlich gegen den Ball und verfällt nicht wieder, wie phasenweise im VfB-Dress, in eine unerklärliche Lethargie.

Fazit

Ralph Hasenhüttl steht vor der Qual der Wahl: Seine Klaviatur verfügt über zahllose interessante Varianten, die zu einer stimmigen Komposition arrangiert werden will. Das betrifft nicht nur das Spielermaterial allein, sondern auch das System, in das es gegossen wird. Das abgewandelte 4-4-2 mit rochierendem Halbstürmer funktioniert zu Beginn der Saison hervorragend, könnte aber infrage gestellt werden, sobald auch Forsberg, Keita und Burke in die Startelf drängen. Ein echter Zehner könnte hier Abhilfe schaffen. Die Qualitätsdichte ist, besonders auf den Offensivpositionen, gewaltig und könnte selbst bei den Arrivierten für lange Gesichter sorgen, sollten sie sich plötzlich auf der Bank wiederfinden. Auf den zentral-defensiven Posten ist man hingegen nicht ganz so breit aufgestellt. Sollte Ilsanker mal fehlen oder seine Tauglichkeit irgendwann infrage stehen, droht eine „Zwergen-Sechs“ mit Demme/Keita bzw. Kaiser/Keita, wodurch das körperliche Element gänzlich aus der Leipziger Schaltzentrale verschwinden würde. Hier sehe ich noch eine kleine Kaderlücke, die aber in Anbetracht der restlichen Qualität nicht allzu schwer wiegen dürfte. Eher entsteht das Gefühl, dass RB Leipzig in dieser Zusammensetzung auch problemlos auf drei Hochzeiten tanzen könnte. Weil das aber nicht der Fall ist, ist Unmut bei dem einen oder anderen eigentlich vorprogrammiert. Hier benötigt es das Feingefühl der sportlichen Leitung, die neben dem sportlichen Erfolg auch verantworten muss, ihre Spieler bei der Stange zu halten.

Autor Nico

Zehner per Geburtsrecht und Passmaschine mit der Endgeschwindigkeit eines Faultiers. Muss schreiben, um seine pathologischen Knie vergessen zu machen. Gilt als wandelnder Anachronismus und Connoisseur gepflegter Zeilen/Bälle.

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