Kaderanalyse RB Leipzig: Abwehr

von 2. September 2016Kaderanalyse
Abwehrmauer

Bis zuletzt, kurz vor Ladenschluss des allsommerlichen Transferfensters, wollten die kritischen Stimmen nicht abebben: Leipzigs Hintermannschaft sei noch nicht bundesligareif, zu grün hinter den Ohren und vor allem zu dünn besetzt, um etwaige Sperren und Verletzungen von Stammkräften abzufedern. Zunächst stutzt man ob dieser allgegenwärtigen Skepsis, konnten die Roten Bullen doch in der letzten Spielzeit mit nur 32 Gegentoren die beste Defensive der 2. Bundesliga vorweisen und damit den Grundstein für den Aufstieg legen. Dennoch wirkt das offenkundige Misstrauen keineswegs deplatziert. Einerseits ist die individuelle und offensive Qualität der Gegenspieler in Liga eins ungleich größer und kaum mit dem Gerumpel im Unterhaus zu vergleichen. Andererseits rührt Leipzigs Defensivstärke – der Eindruck hat sich im Laufe der Saison verfestigt – viel mehr vom aggressiven Pressing und Gegenpressing, das bereits in vorderster Front beginnt und das RB-Mittelfeld in ein Dickicht intervenierender Gliedmaßen verwandelt. Das ist zwar Sinn der Sache, verwässert aber das tatsächliche Leistungsvermögen des Abwehrpersonals.

Dass an dieser Front Handlungsbedarf bestand, haben offenbar auch die Leipziger Verantwortlichen wahrgenommen und mit Ablauf der Transferfrist gleich zweimal nachjustiert. Mit Kyriakos Papadopoulos und dem Brasilianer Bernardo vom Schwesterteam aus Salzburg fanden gleich zwei gelernte Innenverteidiger an den Cottaweg. Gemeinsam mit Benno Schmitz, der bereits frühzeitig nach dem Aufstieg die Konzernteams wechselte, sollen die Neuzugänge die Leistungsdichte in der Verteidigung signifikant erhöhen. Ob damit den hoch gesteckten Ansprüchen der Franchise bereits genüge getan ist, werden die ersten Spieltage offenlegen. Nachdem ich zuletzt die Konkurrenzsituation auf der Torwartposition erörtert habe (zur Kaderanalyse: Torwart) wagt RB Blog an dieser Stelle einen neuerlichen Ausblick und zeigt die Optionen auf, die Coach Hasenhüttl im Abwehrverbund zur Verfügung stehen.

Innenverteidigung

Auf dieser Position einsetzbar: Marvin Compper (31 Jahre), Willi Orban (23), Kyriakos Papadopoulos (24), Bernardo (21), Lukas Klostermann (20), Stefan Ilsanker (27)

In der abgelaufenen Spielzeit herrschte in Leipzigs Abwehrzentrum eine klare Hierarchie. Haudegen Marvin Compper war als Abwehrchef bedingungslos gesetzt; Willi Orban, als künftiger Leader aus Kaiserslautern gekommen, sein unumstrittener Adjutant. Fehlte einer der beiden – in der Regel der verletzungsanfällige Compper – geriet das Konstrukt so manches Mal ins Wanken. In Atinc Nukan stand nur noch ein etatmäßiger Innenverteidiger zur Verfügung, der es aber widerholt versäumte, seine Zweitligatauglichkeit nachzuweisen. So mussten in Person von Lukas Klostermann, Stefan Ilsanker oder sogar Anthony Jung polyvalente Grenzgänger in die Bresche springen – mit eher wechselhaftem Erfolg. So kommt es nicht überraschend, dass das Leipziger Personalkarussell auf dieser Position noch einmal Fahrt aufgenommen hat. Nukan, den man getrost als Transfer-Flop bezeichnen kann, wurde an Besiktas Istanbul verliehen, an seiner statt konnte man mit Kyriakos Papadopoulos von Bayer Leverkusen und Bernardo zwei hungrige Defensivspezialisten mit Perspektive verpflichten.

Papadopoulos, der trotz seiner jungen Jahre bereits reichlich nationale und internationale Erfahrung verbucht, dürfte sofort Ansprüche auf einen Stammplatz erheben und Leipzig auch weiterhelfen, sofern sein Fitnesszustand es zulässt. Womit wir auch schon bei der Crux dieses Transfers wären: Der Grieche ist extrem verletzungsanfällig, pausierte in der vergangenen Rückrunde drei Monate wegen eines Sehnenanrisses und konnte zuletzt selten sein enormes Potenzial abrufen, weswegen der Transfer ein nicht zu unterschätzendes Risiko birgt. Bleibt er aber von größeren Blessuren verschont, sollte Papadopoulos eine tragende Rolle im Abwehrverbund einnehmen, da er dank seiner Physis und Kompromisslosigkeit der tendenziell stärkste Innenverteidiger im Kader ist. Wer für ihn hingegen weichen muss, bleibt abzuwarten. Zuletzt wackelte Willi Orban ein wenig im Vergleich zu Nebenmann Compper, wenngleich seine Jugendlichkeit natürlich eher der RB-Philosophie entspricht.

Der zweite Neuzugang auf dieser Position, der Brasilianer Bernardo, entpuppt sich als Wundertüte. So kam er erst im Winter aus der brasilianischen Red Bull-Akademie nach Salzburg, konnte sich dort einen Stammplatz im defensiven Mittelfeld erkämpfen und wagt nun gleich den nächsten (gewaltigen!) Schritt in die deutsche Eliteklasse. Primär ist Bernardo als Rotationsspieler in der Innenverteidigung vorgesehen, kann aber auch durchaus als Linksverteidiger oder defensiver Mittelfeldspieler agieren und könnte zum Backup für Marcel Halstenberg avancieren. Im Zentrum muss er sich mit hoher Wahrscheinlichkeit zunächst hinten anstellen. Dennoch wird er aufgrund der körperlichen Labilität seiner Kollegen früher oder später eine realistische Chance auf seine Feuertaufe bekommen. Und mein Gefühl sagt mir, es ist nicht ausgeschlossen, dass er sie auch nutzen kann. Sollten alle Stricke reißen und die Neuerwerbungen schwächeln, besitzt RB in Lukas Klostermann und Stefan Ilsanker noch zwei verlässliche Alternativen, die auch in der Innenverteidigung eingesetzt werden können.

Rechter Außenverteidiger

Auf dieser Position einsetzbar: Lukas Klostermann (20), Benno Schmitz (21), Diego Demme (24), Ken Gipson (20)

Eigentlich sollte Lukas Klostermann ja wieder mehr Einsatzzeiten auf seiner angestammten Position in der Innenverteidigung bekommen, statt den Flügel zu beackern. Allerdings ist der Olympia-Teilnehmer in dieser Rolle nur schwerlich aus dem Team wegzudenken und dürfte, gerade in Anbetracht der jüngsten Transfers, fest als Rechtsverteidiger verplant sein. Als hochgehandeltes Talent und potenzieller Nationalspieler sowie aufgrund seiner starken Leistungen aus der Vorsaison führt an ihm wohl momentan kein Weg vorbei. Allerdings fehlte er am 1. Spieltag der Saison mit Trainingsrückstand und sein frisch gebackener Konkurrent Benno Schmitz wusste gegen Hoffenheim als RV durchaus zu gefallen. Zurück lehnen kann sich Klostermann also nicht, was nach dem Abgang von Georg Teigl nach Augsburg ein wenig zu befürchten stand. Vielmehr scheint Schmitz einen mehr als brauchbaren Backup abzugeben, der den Konkurrenzkampf zu beleben vermag.

Dahinter wird es im Kader der Leipziger allerdings schon düster, wie auch die Rückversetzung ins erste Glied von Nachwuchsmann Ken Gipson vermuten lässt. Ob dieser allerdings Bundesliga-Minuten sehen wird, darf bezweifelt werden. Eher dürfte Ralph Hasenhüttl einen flexiblen Spieler zum Notfall-RV umfunktionieren, wie etwa Laufwunder Diego Demme, der mit seiner unermüdlichen und bissigen Spielweise sehr gut auf das Anforderungsprofil eines Rechtsverteidigers passt. Zudem wird gemunkelt, auch Neuverpflichtung Bernardo könne im Fall der Fälle auf die rechte Seite ausweichen.

Linker Außenverteidiger

Auf dieser Position einsetzbar: Marcel Halstenberg (24), Benno Schmitz (21), Bernardo (21), Lukas Klostermann (20)

Wohl keine andere Position ist in der Leipziger Startformation derart klar vergeben, wie die des Linksverteidigers. In Marcel Halstenberg verfügen die Rasenballer über einen grundsoliden Vertreter seiner Zunft, der in der Vergangenheit – zumindest in Liga zwei – auch offensiv zu überzeugen wusste und eine nicht unerhebliche Torgefahr verbreitet. Auf seine Dynamik und Sicherheit im Spielaufbau wird sein Trainer nur ungern verzichten, weswegen Halstenberg bis auf weiteres gesetzt sein dürfte. Zumal die Alternativen auch eher halbgarer Natur sind: Benno Schmitz fühlt sich auf der rechten Seite wohler, ebenso wie Lukas Klostermann, der letzte Saison bisweilen links aushelfen musste. Auch Bernardo soll diese Position schon bekleidet haben, ist aber wegen seiner körperlichen Anlagen eher ein Mann für das Zentrum.

Fazit

Die Leipziger Direktion hat ihre Ankündigung wahr gemacht und die Verteidigung breiter aufgestellt – allerdings vordergründig auf den Mittelpositionen. Das verwundert ein wenig, weil gerade die Außenverteidigung schon letzte Saison eher stiefmütterlich behandelt wurde. Nun sind mit Georg Teigl und Anthony Jung zwei nominelle Backups für die Flügel von dannen gezogen, aber mit Benno Schmitz ist de facto nur ein echter Außenverteidiger hinzu geholt worden. Obendrein einer, der sich auf Bundesliga-Niveau erst noch beweisen muss – ein Schicksal, das er mit einigen seiner Abwehrkollegen teilt. Ralf Rangnick scheint großes Zutrauen in seine Talente und deren Flexibilität zu stecken. Anders ist nicht zu erklären, warum nicht zumindest ein erstligaerprobter Außenverteidiger in die Messestadt gelotst wurde. Gerade auf der linken Abwehrseite könnte das mittelfristrig zum Problem werden, sollte Dauerläufer Halstenberg eines unglückseligen Tages kürzer treten müssen.

In der Innenverteidigung hingegen haben die Roten Bullen ihre Hausaufgaben gemacht. Mit Compper, Orban, Papadopoulos, Bernardo und Klostermann ist man nicht nur sehr tief, sondern für einen Aufsteiger auch qualitativ außergewöhnlich gut aufgestellt. Umso interessanter wird sich der Konkurrenzkampf für die zwei vakanten Stammplätze gestalten. Das eingespielte Duo Compper/Orban sollte sich schon mal warm anziehen, denn es erscheint nicht undenkbar, dass sich sonst beide kurzerhand auf der Bank wiederfinden. Mein persönlicher Geheimtipp ist übrigens der junge Bernardo, dessen kometenhafter Aufstieg sich vielleicht schon an einem der nächsten Spieltage mit seinem Bundesligadebüt fortsetzen könnte.

Autor Nico

Zehner per Geburtsrecht und Passmaschine mit der Endgeschwindigkeit eines Faultiers. Muss schreiben, um seine pathologischen Knie vergessen zu machen. Gilt als wandelnder Anachronismus und Connoisseur gepflegter Zeilen/Bälle.

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