Transfer-Check: Oliver Burke

von 1. September 2016Transfer-Check
Tunnel zum Fußballstadion

„Oliver wer?“, zuckte es dem geneigten Bundesliga-Fan durch den Kopf, als RB Leipzig in Person von Ralf Rangnick seinen sechsten Neuzugang für die angelaufene Spielzeit verkündete. Dicht gefolgt von der Frage, warum in aller Welt ein 19-jähriger Schotte – obendrein ein vollkommener No-Name für den hiesigen Fußballfan – ausgerechnet ins beschauliche Sachsen wechselt. Und das für schlappe 12,5 Millionen Euro! Oder sogar 17 Millionen, wie so manche Sendeanstalt kolportierte! Hat die RB-Spitze da etwa eines dieser sagenumwobenen „Jahrhunderttalente“ verpflichtet, die nur zu Mondpreisen über die Theke gehen? Oder einfach mal die Muskeln spielen lassen, gegenüber den TV-gemästeten Premier League-Klubs und den Scheichs dieser Fußballwelt?

The High-flying Scotsman

Dass Oliver Burke hierzulande ein unbeschriebenes Blatt ist, dürfte neben seinem zarten Alter vornehmlich daran liegen, dass sein Durchbruch im Profifußball erst just in diesem Moment stattfindet. Bisher aber nur vor den Augen derer, die der rauen englischen Premiership etwas abgewinnen können. Oder – es läuft mir kalt den Rücken hinunter – der schottischen Nationalmannschaft. Dort debütierte Burke nämlich Anfang des Jahres im Testspiel gegen Dänemark, obwohl ihn auch in Schottland bis dato kaum jemand auf dem Zettel hatte. Selbst Nationaltrainer Gordon Strachan stolperte eher zufällig über den Jungen mit den auffälligen Segelohren. Denn eigentlich wollte er Charlton-Angreifer Tony Watt im Spiel gegen Nottingham beobachten, als Burke diesem regelrecht die Show stahl. Seither geht es für den Teenager und seine Karriere rasant bergauf: regelmäßige Einsätze für Nottingham in der Rückrunde, eine glänzende Saisonvorbereitung, die mit einem Stammplatz belohnt wird, vier Tore und ein Assist in den ersten fünf Ligaspielen – und plötzlich klopfen die High Roller des europäischen Spitzenfußballs an seine Türe. Manchester United soll interessiert gewesen sein, Barcelona und sogar die Bayern. Doch die Schuhe schnürt Burke fortan am Cottaweg in Leipzig.

In den Fußstapfen von Gareth Bale

Burke mag (noch) kein schillernder Name sein, bei dem allerorts die Augen leuchten. Dennoch reibt man sich dieselben verwundert, dass RB Leipzig ein Talent dieser Kragenweite verpflichten konnte. Immerhin gilt Burke schon jetzt als Messias in spe für den gesamten schottischen Fußball und wird in Spielanlage und Werdegang bereits mit einem gewissen Gareth Bale verglichen. Und in der Tat finden sich hier einige Parallelen, die sich nur schwerlich leugnen lassen. Beider Spiel lebt von enormer Dynamik und Physis – Burke misst für einen Flügelspieler exorbitante 1,89 Meter und würde dank seiner bulligen Statur auch auf dem Rugbyfeld eine ordentliche Figur abgeben. Dennoch verfügt Burke – wie Bale – über einen gewaltigen Antritt und eine Endgeschwindigkeit, die durchschnittliche Premiership-Verteidiger erscheinen lässt, als hätten sie Tapetenkleister an den Sohlen. Auffällig sind außerdem Burkes Kaltschnäuzigkeit vor dem gegnerischen Kasten und seine Beidfüßigkeit, die ihm dabei zugute kommt.

„Nach dem Spiel gegen Burnley in der letzten Saison habe ich mit Oli gesprochen und ihm gesagt, dass ich noch keinen stärkeren Spieler in seinem Alter gesehen habe.“

– Chris Cohen, Kapitän von Nottingham Forest

Somit bringt der 19-jährige ein exotisches, weil vielseitiges Gesamtpaket mit, das in der heutigen Fußballwelt Seltenheitswert besitzt. Gerade gegenüber seinen Kollegen (und potenziellen Gegenspielern) auf den Flügelpositionen, die üblicherweise durch Kompaktheit und tiefe Körperschwerpunkte gekennzeichnet sind, hat Burke von Natur aus Vorteile im direkten Zweikampf, ohne dass sein irrwitziges Tempo darunter leiden würde. Aktuell finden sich im europäischen Spitzenfußball nur wenige Akteure, die über eine so glückliche Kombination von Anlagen verfügen. Der Kroate Ivan Perisic zum Beispiel, Kiews Andriy Yarmolenko oder Enfant terrible Marko Arnautovic – allesamt Spieler, die Partien durch ihr breites Repertoire an Offensivmöglichkeiten allein entscheiden können.

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Steckbrief

  • Geboren: 7. April 1997
  • Alter: 19 Jahre
  • Nationalität: Schottland
  • Starker Fuß: rechts, aber nahezu beidfüßig
  • Größe: 1,89 Meter
  • Position: Rechts- & Linksaußen
  • Bisherige Vereine: Nottingham Forest (2008-2016), Bradford City (2015)

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Leistungsdaten

  • Championship: 25 Einsätze / 6 Tore / 1 Assist
  • A-Nationalmannschaft: 2 Einsätze
  • U19-Nationalmannschaft: 6 Einsätze / 1 Tor

Kronjuwel mit Überraschungspotenzial

Mit der Verpflichtung von Oliver Burke schließt RB Leipzig eine weitere Lücke im Kader, nämlich die eines gelernten Rechtsaußen, der überdies auch auf der linken Seite oder als Konterstürmer eingesetzt werden kann. Zuvor konnte man mit Emil Forsberg, Timo Werner und Marcel Sabitzer nur auf drei echte Winger zurückgreifen – eine dünne Kaderdecke für eine lange Bundesligasaison. Zumal sich Behelfslösungen mit genuinen Mittelstürmern (Poulsen, Selke) oder zentralen Mittelfeldspielern (Kaiser, Demme) auf dem Flügel zuletzt nicht bewähren konnten. Gewiss wird Oliver Burke ein Weilchen benötigen, um die Leipziger Spielphilosophie zu verinnerlichen und sich ins Team zu integrieren. Dann aber könnte er – zunächst von der Bank – eine wichtige Option für Ralph Hasenhüttl sein, um dem ermüdenden Gegner eine ordentliche Kopfnuss zu verpassen. Wenn Burke diese Chancen für sich zu nutzen weiß, ist es nicht abwegig, dass er sich auch mittelfristig in der Leipziger Startelf festsetzt. Nicht nur, weil ein Rohdiamant mit der Hypothek einer achtstelligen Ablösesumme nun mal Spielpraxis benötigt, sondern auch, weil er die Konkurrenz mit seinem eigentümlichen Skill-Set vor ungewohnte Herausforderungen stellt.

Die Roten Bullen haben den Youngster bis 2021 an sich binden können. Ein Schlag ins Gesicht für die alteingesessene Obrigkeit des Fußball-Business, aber auch ein deutliches Statement: Oliver Burke soll in Zukunft ein Gesicht der jungen RB-Franchise werden und eine Schlüsselrolle einnehmen, um Leipzig in der Bundesliga zu etablieren. Das Potenzial zum Publikumsliebling hat er dank seiner unkonventionellen, aber stets ehrlich-direkten Spielweise schon jetzt.

Autor Nico

Zehner per Geburtsrecht und Passmaschine mit der Endgeschwindigkeit eines Faultiers. Muss schreiben, um seine pathologischen Knie vergessen zu machen. Gilt als wandelnder Anachronismus und Connoisseur gepflegter Zeilen/Bälle.

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