Hier geblieben! – So hält RB Leipzig seine Stars

Von 23. Oktober 2017RB Leipzig, Vision
Nomaden

Hätte mich letzten Sommer jemand gefragt, wo sich RB Leipzig am Ende seiner ersten Bundesligasaison wiederfindet, meine Prognose wäre eher schüchtern ausgefallen: Klassenerhalt, klar. Gesichertes Mittelfeld? Machbar. Wenn’s gut läuft, sogar ein einstelliger Tabellenplatz. Aber Vize-Meisterschaft und der direkte Durchmarsch in die Beletage des europäischen Fußballs? No way. Und mit dieser frommen Einschätzung stand ich seinerzeit definitiv nicht allein da. Selbst die Verantwortlichen im Bullenstall konnten mit einem derartigen Quantensprung nicht rechnen. Erst hieß es Nicht-Abstieg, dann Rang 10-12. Nach der berauschenden Hinrunde rief Dietrich Mateschitz persönlich den Euro League-Platz zum Saisonziel aus. Doch das Team von Ralph Hasenhüttl überflügelte – von der Euphorie getragen – jede rationale Erwartungshaltung und strafte ganz nebenbei alle Experten lügen. Einerseits ist das der hervorragenden Arbeit des Trainerteams zu verdanken, das es virtuos versteht, die Spielidee der Franchise mustergültig auf den Rasen zu übertragen. Andererseits ist dieser Überraschungscoup der gewaltigen individuellen Klasse geschuldet, die schon jetzt im Bullenkader schlummert. An dieser Stelle Chapeau an die Scouting-Abteilung von RB Leipzig (und natürlich von RB Salzburg), die sich zurecht im Lichte des Erfolges sonnen darf. Denn – Hand auf’s Herz – hättet ihr den Herren Orban, Keïta oder Timo Werner gleich den ganz großen Durchbruch zugetraut?

Die Kehrseite der Medaille

So bemerkens- und lobenswert dieser raketenhafte Aufstieg der Leipziger auch ist, er führt eine Handvoll Schwierigkeiten im Schlepptau, deren sich Ralf Rangnick und Co. nun deutlich früher annehmen müssen, als ihnen lieb sein kann. Allem voran weckt der unverhoffte Erfolg die Konkurrenz aus ihrem Dornröschenschlaf – und einhergehend allerlei Begehrlichkeiten. Eine lange, märchenhafte Historie voller Überraschungsmeister, durchmarschierender Aufsteiger und mittelschwerer Fußballwunder zeigt nämlich vor allem eines: dass sie nicht von Bestand sind. Wir können ja mal in Leicester nachfragen. In Kaiserslautern, Montpellier oder Freiburg. Das Establishment der Großvereine und Big Spender mag vielleicht reaktionär agieren, aber selbst den dortigen Logenplätzen bleibt ein so disruptiver Erfolg wie der Leipziger nicht verborgen. Und man versucht panisch, das aufziehende Übel mitsamt der Wurzel auszureißen. Oder idealerweise einfach umzutopfen.

Naby Keïta hat, seine Ausstiegsklausel aktivierend, schon für 2018 in Liverpool unterschrieben und wird vermeintlich rund 70 Millionen Euro in die Leipziger Kassen spülen. Eine stolze Summe, besonders wenn man bedenkt, dass er seinen Marktwert binnen einer Saison nahezu verdreifachen konnte. Doch mal ehrlich, wenn es im RB-Kosmos an einem nicht mangelt, dann an Kapital. Bloß weil man damit nicht blind um sich wirft, wie es in England und arabischen Enklaven auf UEFA-Grund mittlerweile Best Practice ist, heißt das nicht, dass man den Zaster zwingend bräuchte. Doch Keïta wird kein Einzelfall bleiben. Lebemann Emil Forsberg stand bereits diesen Sommer auf dem Sprung in die Modemetropole Mailand. Dayot Upamecano rangiert, einer durchwachsenen Debütsaison zum Trotz, bereits auf dem Wunschzettel des FC Barcelona. Und ein Timo Werner wird in seiner gegenwärtigen Form schlichtweg nicht zu halten sein, zumal er bereits Medienvertretern gegenüber (auf ungelenke Weise) alles versucht, um ein klares Bekenntnis zu seinem aktuellen Arbeitgeber zu vermeiden. Und dann wäre da ja noch der FC Bayern, der in schönster „Mia-san-mia“-Tradition eigentlich alles aufkauft, was ihm den ligainternen Sonnenplatz streitig macht. Hat ja mit den ehemaligen Contendern aus Dortmund und Leverkusen auch schon prima geklappt. Oder wie finden Sie das, Christoph Daum?

Der feine Unterschied

Klar, die Verhandlungsposition der Leipziger gestaltet sich – ihrem potenten Geldgeber sei Dank – etwas komfortabler als bei den meisten anderen Underdogs. Sicher kann man mal auf einen laufenden Vertrag pochen, ohne sich wirtschaftlich zu ruinieren. Oder mal einen Bonus zahlen, der an 14 der 18 Bundesligastandorte als unmoralisches Teufelswerk verurteilt würde. Doch RBL ist nicht ManCity. Und Leipzig genauso wenig Mailand oder Paris. In drei Richtungen muss sich der Klub (noch) deutlich von anderen Schwergewichten des Spitzenfußballs abgrenzen lassen:

  1. RB Leipzig ist kein Investorenspielzeug (bzw. kein durchschnittlicher Premier League-Klub), dem unerschöpfliche Ressourcen zur Erreichung des ultimativen sportlichen Erfolgs gewährt werden, sondern soll mittelfristig selbst tragfähig sein, was seriöses Wirtschaften voraussetzt.
  2. RB Leipzig ist kein Verein mit langer, titelträchtiger Historie und verfügt entsprechend nicht über die Strahlkraft und Reichweite von Klubs, die seit Jahrzehnten Stammgäste auf europäischer Bühne sind.
  3. Die Stadt Leipzig ist (auf den ersten Blick zumindest 😉 ) weder Metropole von Weltrang noch Badeparadies, kein Mekka der Reichen und Schönen, kein Jetset-Hafen, keine Hedonismushochburg und somit keine Fünf-Sterne-Destination für den durchschnittlichen Star-Kicker.

Diese Merkmale sind für den Fußballstandort Leipzig auf Jahre hin bindend. Natürlich wachsen Reputation und finanzieller Spielraum mit den Jahren, sollte man sich in der Bundesliga und besonders in Europa etablieren. Jedoch ist nicht absehbar, dass sich binnen eines überschaubaren Zeitraums in die Sphären englischer Spitzenklubs oder Starensembles à la Real Madrid, PSG oder Bayern München vorstoßen ließe. Das wäre schlichtweg Hybris und eine ziemlich verhängnisvolle Hoffnung, die einen gesunden, ambitionierten Klub nur allzu gern eine schmerzhafte Bruchlandung erleiden lässt. Bloß, wenn man noch höher hinaus will (was ja Ziel der ganzen Unternehmung ist), wenn man den großen Bayern dauerhaft die Stirn bieten und regelmäßig Flutlichtatmosphäre in der Champions League atmen möchte, wie soll man dann diese Phalanx des fußballerischen Geldadels durchbrechen? Wie kann es RB Leipzig schaffen, seine Juwelen – oder wie der BWLer sagt: sein Human Capital – langfristig an sich zu binden und vor den Verlockungen globalen stardoms zu bewahren? Schnellstmöglich muss das Bullen-Office hierfür eine Lösungsstragie entwickeln, um nicht, wie es z.B. selbst dem glorreichen FC Arsenal oder Borussia Dortmund widerfahren ist, als besserer Ausbildungsverein für die ganz großen Fische zu enden.

Lukrative Loyalität, leuchtende Vorbilder

Als konservativer Fußballfreund mag man an dieser Stelle argumentieren, das sei doch der normale Lauf der Dinge und man müsse sich damit arrangieren. Schließlich wolle doch niemand Leipzig oder Hoffenheim in der Champions League sehen. Zumal derlei Eintagsfliegen, wie die Erfahrung mit deutschen Überraschungsteams zeigt, dort keinen bleibenden Eindruck hinterließen. Doch dem möchte an dieser Stelle energisch widersprechen. Um nicht noch eintöniger zu werden, als ohnehin schon geschehen, braucht der Fußball eine gewisse Durchlässigkeit für innovative Konzepte und zeitgemäß aufgestellte Klubs, die nicht allein von ihren Erfolgen aus den 70ern oder einem katarischen Festgeldkonto zehren. Sonst haben wir hier bald Verhältnisse wie im US-Sport (oder wie war das mit der Weltliga, Karl-Heinz?)

Glücklicherweise gelingt es ab und an, wenn die Vereinsführung weiß, was sie tut und obendrein die Sterne günstig stehen, einem aufmüpfigen Team, in die tradierte Ordnung zu grätschen und sich nachhaltig in Europas Elite festzubeißen – wohingegen manch dereinst mächtiger Traditionsklub vor lauter Borniertheit und Misswirtschaft ins tabellarische Niemandsland abstürzt (Ciao, Milan! Ciao, Inter!). Teams wie die Spurs aus Tottenham, Atlético Madrid, Napoli oder AS Monaco übernehmen hierbei Vorbildfunktion für RB Leipzig und beweisen eindrucksvoll, dass sich mit klugem Management und einer klaren Philosophie selbst festgefahrene Kräfteverhältnisse ankratzen, wenn nicht gar auf den Kopf stellen lassen. Diesen Klubs gelingt es immer öfter, ihre Schlüsselspieler an sich zu binden. Und falls nicht, dann zumindest maximale Einnahmen aus den laufenden Arbeitspapieren zu generieren und diese wiederum clever einzusetzen. Denken wir an Atlético, das im Kern seit vielen Jahren unverändert zusammen kickt und mit seiner Eingespieltheit jeden Gegner zur Weißglut treibt. Denken wir an Marek Hamšík, der Napoli seit 2007 die Treue hält und einen in der Form einmaligen Heldenstatus genießt. Wir denken an Harry Kane und Dele Alli. Aber auch an die tapferen Monegassen, die seit 2014 sage und schreibe 462 Millionen Euro für ihre Leistungsträger generiert haben und es verstehen, dem Aderlass zum Trotz jedes Jahr einen konkurrenzfähige, blutjunge Mannschaft aufzubieten. Geld hin oder her – brain always wins. Und wer die Qualität in der Mannschaft auf konstant hohem Niveau hält, der liefert die besten Argumente, weitere Starspieler (oder solche, die es werden wollen) erfolgreich anzulocken.

Employer Branding – made in Leipzig

Wie kann also eine Strategie aussehen, um Leistungsträger wie Werner oder Forsberg auch über ein, zwei erfolgreiche Saisons hinaus am Cottaweg zu halten, ohne sich jedoch blind auf ein finanzielles Kräftemessen mit Europas Oligarchenklubs einzulassen? An dieser Stelle hilft es, das Fußballgeschäft – das noch nie für seine Kreativität oder Innovationskraft bekannt war – für einen Moment zu verlassen und den Rundumblick zu wagen. Denn was in der Wirtschaft längst usus ist und sich durchaus erfolgversprechend anlässt, kann womöglich auch für Personalmanagement eines Fußballklubs adaptiert werden. Unter dem (etwas ausgelutschten) Buzzword Employer Branding firmieren schließlich zahlreiche Ansätze und Instrumente, die dazu dienen, die Bindung zwischen Arbeitgeber und -nehmer zu stärken und auf eine langfristige, gesunde Basis zu stellen. Und zwar auch abseits immer dickerer Gehaltsschecks, dem Evergreen uninspirierter Personalpolitik. Eine Handvoll dieser Ansätze, die sicher auch einem professionellen Sportverein gut zu Gesicht stünden, möchte ich im Folgenden kurz anreißen und daran deutlich machen, dass man nicht immer (oder zumindest nicht ausschließlich) mit den großen Geldscheinen wedeln muss, um seine fußballerischen Galionsfiguren und high potentials glücklich zu stimmen.

1) Wenn schon, denn schon – Gehalt statt Ablöse

Bevor wir jedoch zu den innovativeren Spielarten des Player Brandings vorstoßen, noch ein Wort zum Gehalt, dem nach wie vor zentralen Argument, wenn es darum geht, ein brauchbares Paar Beine in die Stadt zu locken. Schließlich geht es dem Fußballprofi nicht wie dem durchschnittlichen Bürostuhlakrobaten, der seine berufliche Zufriedenheit vor allem daraus zieht, mit seinem Profil auch eine spezifische Stellenbeschreibung zu matchen. Das Betätigungsfeld als Fußballer ist ja ohnehin überall dasselbe, egal ob in Hamburg oder Wattenscheid: nämlich seriös gegen einen Ball zu treten. Dann entscheidest du dich in neun von zehn Fällen für den Klub, der dir das am besten vergütet. Sicher spielen da noch andere Faktoren hinein (wie wir gleich sehen werden), aber die Logik dahinter ist untrüglich. Umso erstaunlicher ist es zu verfolgen, wie Fußballklubs jede Transferperiode weite Teile ihres Personalbudgets für horrende Ablösesummen und Handgelder verbrennen, anstatt in homogen wachsende Gehaltsstrukturen zu investieren.

Seine Leistungsträger bzw. Unterschiedsspieler tatsächlich abzugeben, sollte für einen Verein erst die allerletzte Option im Verhandlungspoker darstellen. Natürlich kassiert man dafür eine zünftige Ausgleichszahlung. Aber a) wird man große Teile davon sofort in einen annähernd gleichwertigen Ersatz investieren müssen und b) muss sich der neue Baustein erst im Teamgefüge einfinden und beweisen. Ein Spieler hingegen, der das eigene Spielsystem bereits verinnerlicht hat, mit dem Klub und seinen Begebenheiten vertraut ist, seine Rolle kennt und erste Wurzeln geschlagen hat, der liefert auch vorhersehbare Leistungen. Entgegen irgendwelcher Wundertüten, die einem wieder im Sommerschlussverkauf untergejubelt wurden. Deshalb: Um hohe Qualität im Verein zu halten, lohnt es sich, auch vergleichsweise hohe Gehälter zu zahlen. Einerseits um mit verlässlichen Größen wirtschaften zu können, andererseits um Reibunsgsverluste durch Umbesetzungen zu vermeiden – und natürlich all die Handgelder und Provisionszahlungen, die Millionentransfers so massiv aufblähen, dass man das Gehalt auch hätte einfach verdoppeln können.

2) An einem Strang – Boni & Benefits

Unmittelbar an die Gehaltsproblematik anknüpfend: leistungsbezogene Prämien und sogenannte fringe benefits (z.B. Sachleistungen), die über den üblichen Gehaltsrahmen hinausgehen. Ziel ist es natürlich, seine Spieler für besondere Leistungen auch in besonderem Maße zu belohnen. Klassiker wie die Tor- oder Zu-Null-Prämie, Bonuszahlungen nach x Einsätzen oder für erreichte Individualauszeichnungen (z.B. Torjägerkanone, Nationalmannschaftsberufung) weisen hier die Richtung – sind aber nur die Spitze des Eisbergs. Entscheidend sind hierbei zwei Aspekte: Zum einen das richtige Mischverhältnis zwischen Gehalt und Boni zu finden, sodass sich beides wertig anfühlt, ohne dass sich der Spieler aber einfach auf seinem Grundgehalt ausruhen kann. Zum anderen, dass der Klub die Ziele des Spielers mit seinen eigenen auch tatsächlich synchronisiert. Einfaches Beispiel: Was nützt eine Torjägerprämie, wenn der Mittelstürmer plötzlich nur noch auf eigene Rechnung rumballert. Viel sinnvoller ist es, als Verein im Ganzen bereits klare Ziele und entsprechende Kenngrößen zu definieren und die Spieler bei deren Erreichung zu belohnen (beispielsweise in Form einer Kollektivprämie, prozentual vom jeweiligen Grundgehalt). Gern vergessen wird hierbei auch, dass nicht nur die Leistungen auf dem Rasen honorabel sind, sondern auch die daneben. Statt Spieler mit Knebelklauseln zu Sponsorenterminen und Autogrammstunden zu nötigen, kann ihr individuelles Engagement auch einfach gemessen und entsprechend versilbert werden. Und dass in sämtlichen Bereichen: als Mentor für Nachwuchsspieler, PR-Stimme oder Zugpferd in Social Media und Merchandise.

Individualprämien hingegen sollte sich ein Klub nicht vom Spieler – oder eher seinem Berater – diktieren lassen, um potenziellen Zwickmühlen zwischen sportlichem und finanziellem Kalkül zu entgehen. Hier empfiehlt sich auch ganz besonders, ein offenes Ohr für seine Spieler und generell ein Gespür für Menschen zu haben, um deren tatsächliche Wünsche und Ziele zu identifizieren. Geld per se ist nämlich keines von beidem, sondern nur Mittel zum jeweiligen Zweck. So kann man etwa Spielern mit großem Freiheitsbedürfnis Zugeständnisse im Terminkalender einräumen, ausgewiesene Familienmenschen dabei unterstützen, ihre Anverwandten am Arbeitsort zu integrieren oder – um mal ein bisschen weiter zu spinnen – Hobby-DJs bei der ersten eigenen Platte unter die Arme zu greifen. Es lohnt sich allemal, die realitären Bedürfnisse seiner Kicker zu verstehen, denn so können Benefits auf ihre konkrete Lebenssituation zugeschnitten werden, anstatt sie einfach mit dem schnöden Mammon zu überhäufen und damit allein zu lassen. Was uns gleich zum nächsten Aspekt führt…

3) Die Kunst des Zuhörens – Feel-Good-Management

Der durchschnittliche Profifußballer ist ein ziemlich ambivalentes, wenn nicht gar widersprüchliches Wesen. Im Klubkontext, vor allem ab einem gewissem Grade der Professionalisierung, wird ihm nahezu jede Entscheidung abgenommen – vom Speiseplan bis zum Schuhwerk – jede persönliche Freiheit terminiert, aber auch jeder biedere Handgriff von einer ganzen Heerschar an Betreuern abgenommen. Der Fußballprofi befindet sich in einem permanenten Schwebezustand der Unselbstständigkeit, weil alles dafür getan wird, dass er sich ganz exklusiv auf die Jagd nach einer Lederpille fokussieren kann. Was dazu führt, dass Spitzenfußballer außerhalb dieser abgeschotteten Schneekugel oft genug die grundlegendsten Fähigkeiten für ein selbstgelenktes Leben vermissen lassen. Eine Marktlücke, die Spielerberater wiederum selbstlos zu schließen wussten. Sie kümmern sich quasi um alles, was ihren Schützling vom Trainings- und Spielbetrieb – dem Nabel dieses unwirklichen Mikrokosmos –ablenken könnte. Also genau das, womit sich unsereins tagtäglich neben der Arbeit noch herum plagen muss: Wohnungssuche und -einrichtung, Bankgeschäfte und Geldanlagen, Versicherungen, soziale Medien, Termine und Events. Um nur ein paar der Frondienste zu nennen. Der Berater avanciert in dieser Universalrolle nicht nur zum Fädenzieher abseits des Platzes, sondern überträgt seine Philosophie auf den Schultern des Spielers auch in das Vereinsleben. Nicht umsonst wird allerorten das wachsende Machtspektrum der Spielerberater moniert – diese Bedrohung ist durch und durch real.

Was die Klubs jedoch verschlafen haben, ist, den Beratern und Agenturen einen wirksamen Antagonisten entgegenzusetzen. Man kümmert sich zwar aufopferungsvoll um jedes Detail der sport- und gesundheitlichen Wohlfahrt, doch lässt man die Spieler außerhalb des bloßen Wertschöpfungsrahmens viel zu oft mit sich allein. Söldner wird man, indem man wie einer behandelt wird. Vielen Profifußballern fehlt das, was in unteren Spielklassen, an der Basis der Vereinskultur noch selbstverständlich und unverzichtbar ist: die integrative Kraft einer Sportgemeinschaft. Wohingegen der Fußball für den 0815-Arbeitnehmer willkommener Ausgleich nach getaner Arbeit ist und Möglichkeit zur Sozialisation, so ist er für den Profi in erster Linie Broterwerb. Nur bleiben abseits vom Rasen und den damit verbundenen Vereinspflichten oft nicht mehr viel übrig als Regeneration und Isolation. Genau hier sollten Vereine schleunigst ansetzen und sich wieder verstärkt als Orte gegenseitiger Wertschätzung, des Dialogs und Für-einander-Daseins empfehlen.

Es fehlt augenscheinlich ein vereinsinternes Bindeglied, das die sportlichen und ökonomischen Ziele des Arbeitgebers mit den persönlichen Ambitionen, aber auch privaten Wünschen, Ängsten und Problemen des Spielers harmonisiert. Sonst bräuchte kein Profisportler dieser Welt seinen eigenen Beraterstab. Gerade Fußballern, die wie die Nomaden von Station zu Station pendeln, würde ein zentraler Ansprechpartner gut tun, der sie in ihrer neuen Heimat erdet – und damit meine ich sowohl ihre Stadt als auch ihren Verein. Diese Art Feel-Good-Manager sorgt für die nötige Wohlfühlatmosphäre auf dem Vereinsgelände (von der Kabine über die Lounge bis zur Vereinsbibliothek), fungiert als Mediator bei Interessenkonflikten, als ortskundiger Guide, Organisator von Team-Events oder einfach nur als Freund. Zuhörer. Ratgeber. Klubs, denen es gelingt, eine familiäre Umgebung für seine Angestellten zu schaffen (worin z.B. der FC Bayern seit Jahrzehnten besticht), können so hoch dotierten Abwerbungsversuchen ein zuverlässiges (und kostengünstiges) Bindemittel entgegen setzen.

4) Potenziale & Perspektiven – Player Development

Zeit ist für einen Profikicker ein ausgesprochen wertvolles Gut. Denn im Gegensatz zu anderen, gewöhnlicheren Professionen hat er nur 15, 17, maximal 20 Jahre, um seinem „gelernten“ Beruf nachzugehen. Wichtige Karriereentscheidungen trifft er deshalb nicht nur in vergleichsweise hoher Frequenz, sondern auch stets unter dem Hintergrundticken seiner biologischen Uhr. Vereine, die ihre Spieler langfristig binden wollen, müssen diesem Umstand Rechnung tragen und ihren Angestellten sowohl zeitnahe Entwicklungsschritte als auch die Perspektive auf zukünftige Achievements offerieren. Denn im Gegensatz zu einer Karriere kennt der Zahn der Zeit nur eine Richtung.

Logischerweise haben junge Spieler ein gesteigertes Interesse daran, sich schnellstmöglich zu einem gestandenen Profi zu entwickeln. Klubs müssen im Umkehrschluss nicht nur die nötigen Trainingseinrichtungen und Ausbildungsbedingungen schaffen (was RB Leipzig bereits vorbildlich angeht), sondern auch die Durchlässigkeit vom Jugend- in den Profibereich gewährleisten (was wiederum noch gar nicht gelingt). Da immer mehr Klubs auf eine Zweitvertretung verzichten, gerät dieser Sprung für viele Nachwuchskicker zur unlösbaren Zerreißprobe. Ein verlässliches Netz aus Partnerklubs (z.B. in der Region, innerhalb der Liga oder auf bunt gestreuten Leistungsniveaus) kann hier Abhilfe schaffen. Im Falle von RB Leipzig können auch die guten Beziehungen innerhalb der Franchise – also nach Salzburg, Liefering oder New York – die nötigen Anreize für Perspektivspieler setzen.

Ist die fußballerische Entwicklung weitgehend abgeschlossen und der Profistatus zementiert, ist der Fußballer eigentlich schon genötigt, an seine Altersvorsorge zu denken. Sprich, Faktoren wie Gehalt und Reputation rücken in den Vordergrund – also Aspekte, die unmittelbar an sportliche Erfolge gekoppelt sind. Rückt der entsprechende Zenit des Spielers jedoch näher und damit auch das Ablaufdatum der Karriere, gerät die langfristige Perspektive wieder zu einem Schlüsselelement des Player Brandings. Klubs, die es verstehen, verdiente Spieler a) für andere Funktionen im Verein zu rüsten oder b) auf dem zweiten Bildungsweg jenseits des Fußballzirkus zu unterstützen, liefern handfeste Argumente für eine Vertragsunterschrift. Dazu gehört leider auch, manch einem Spieler erst einmal die nötige Eigenverantwortung einzubläuen. Und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass zu einem erfüllten Leben womöglich mehr gehört, als ein bisschen Fußball zu spielen, um dann die restlichen 50 Jahre auf der faulen Haut zu liegen. Vor allem Spieler, die gern etwas zurück geben möchte – sei es als Botschafter, Trainer, Mentor – sollten Vereine mit offenen Armen empfangen und ihnen entsprechende Perspektiven aufzeigen. RB könnte hierfür wiederum das eigene Franchise-Netzwerk nutzen und es gleichzeitig mit dem Know-How seiner Ex-Profis aus erster Hand verstärken.

5) Ein Wort mit Gewicht – Verantwortung & Mitgestaltung

Wie wenig das Fußballgeschäft noch mit intakter Vereinskultur gemein hat, ist hinlänglich bekannt. Doch selbst ein x-beliebiges mittelständische Unternehmen bietet seinen Angestellten mehr Gestaltungsraum und Mitspracherecht, als es Profifußballern von ihren Klubs eingeräumt wird – und das, obwohl sie die unverzichtbare Mittelachse dieses Millionengeschäfts bilden. Die Beweggründe dafür sind naheliegend, beschäftigt doch jeder Klub eine ganze Riege an Experten, die sich nur ungern von jemandem dazwischen funken lassen, der sein Leben lang nur mit Bällen jongliert. Entscheidungsgewalt sollte natürlich stets dort ausgeübt werden, wo auch fundiertes Wissen liegt. Allerdings ist der Grundgedanke der Partizipation ohnehin ein anderer: nämlich das Gehört-werden. Und das werden Fußballer auf Klubebene üblicherweise nicht. Vielmehr werden sie dafür (maßlos) bezahlt, ihre Leistung auf dem Rasen zu bringen und sich sonst brav und schweigsam in die Maschinerie einzufügen.

Das Problem ist bloß, dass Fußballspieler auch nur Menschen sind – und Menschen haben den Drang zur Kreation und (Selbst-)Verwirklichung. Das Gefühl, etwas zu bewegen oder eigenes zu schaffen, macht uns glücklich. Und verortet uns gleichzeitig im Gefüge der Gesellschaft. Folgerichtig fällt es uns schwer, etwas loszulassen, das wir eigenhändig aufgebaut oder zumindest mitgestaltet haben. Moderne Arbeitgeber machen sich diesen Wesenzug zu nutze und bieten ihren Mitarbeitern reiche Freiheiten, um sich konstruktiv einzubringen. Die Mitarbeiter wiederum sind so zufriedener am Arbeitsplatz und bedanken sich in Form ihrer Loyalität. Auch im Profifußball könnte sich diese integrative Kraft zur Spielerbindung nutzen lassen, doch müsste dafür zunächst die massive Wand zwischen den viel zu oft unmündigen Kickern und der rigoros waltenden Management-Ebene eingerissen werden.

Gerade (Führungs-)Spieler, die sich um den Verein verdient gemacht haben, sollten die Möglichkeit bekommen, sich auch außerhalb des Spielfeldes in die Geschicke ihres Arbeitgebers einzubringen. Das Aufstellen eines Mannschaftsrates mag ja immer gut und schön sein, doch ist jener kaum mehr als ein Alibi, ein zahnloser Tiger, und wirkt nicht über ein bisschen Kabinenpalaver hinaus. Vielmehr müssen Fußballklubs eine interne Plattform schaffen, auf der Spieler (bzw. Mitarbeiter allgemein) gehört und ihre Ideen diskutiert werden. Und zwar interdisziplinär. Die zunehmende Abkapselung der Geschäfts-  von der sportlichen Ebene sorgt sonst für wachsende Entfremdung und begünstigt erneut eine Söldnermentalität im Team.  Spieler sollten – sofern sie das auch selbst möchten – umfassende Einblicke in das Vereinsleben bekommen und in jene Teilbereiche, die sie besonders interessieren. Sie sollten ermutigt werden, Verbesserungsvorschläge zu entwickeln und ggf. selbst deren Realisierung oder eigene Projekte auf Klubebene verantworten. Denn wer Verantwortung für andere übernimmt – für seine Mitspieler, für den Verein, für seine Fans – der bindet sich wie von selbst sozial und emotional an das Wohl einer größeren Sache.

Viele kleine Tottis?

Das sollen nur ein paar Denkanstöße gewesen sein, wie sich Leistungsträger im Profisport wirksamer an ihre jeweiligen Teams binden lassen. Das Repertoire potenzieller Instrumente ist freilich noch weit größer. So finde ich z.B. den Designated Player– bzw. Franchise-Player-Ansatz aus dem US-Sport auch hochgradig interessant, um einzelne, besonders wichtige Spieler langfristig als Gesichter des Klubs zu etablieren. Doch selbst unter Zuhilfenahme geeigneter Player Branding-Maßnahmen ist nicht zu erwarten, dass wir im europäischen Fußball plötzlich reihenweise Phänomene wie Steven Gerrard oder Francesco Totti erleben werden. Dafür ist der Markt viel zu eruptiv und noch längst nicht gesättigt.

Allerdings –und so viel traue ich auch dem findigen Management von RB Leipzig zu – können der unaufhörlich wirbelnden Gehaltsspirale durchaus überzeugende Alternativen entgegnet werden. Vorausgesetzt, man verfolgt als Verein ein kohärentes Gesamtkonzept und ist bereit, vermehrt in Steine denn in Beine, in Kommunikation, Know-How und vor allem den Dialog zwischen Spielern und Führungsebene zu investieren. Wenn es gelingt, die Vision des Klubs stichhaltig zu untermauern und auch seinen Spielern zu vermitteln, dann erscheint es mir vorstellbar, dass sich herausragende Talente (wie z.B. Timo Werner) auch langfristig in das Projekt RB Leipzig involvieren.

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